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Atmosphärisches Wochenbuch

Walesa, Havel und die Wissenschaft

Raimund Schöll am 12.06.2013

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Ex-Arbeiterführer Lech Walesa in einem kürzlich ausgestrahlten Interview zu seinem Leben: Er sei als junger Mann ein einfacher Arbeiter gewesen, und in der Seele sei er es immer noch. Akademiker kümmerten sich immer um Punkt und Komma, während er hingegen, der Arbeiter, immer nur in schwarz und weiß gedacht habe. So würden Arbeiter nun mal denken.

Interessant scheint mir: mit dieser schlichten Haltung hat er mitgeholfen, die Welt so gut wie gewaltfrei aus den Angeln zu heben. Und es hat geklappt, damals in Polen. Seine Grundidee, die er dabei stets mitverfolgte, war die der Solidarität, Solidarność.

Der 2011 verstorbene Ex-Präsident der Tschechei, Vaclav Havel stammte aus dem Großbürgertum. Havel mochte Schwarz-Weiß-Denken nicht besonders, wie man weiß. Dennoch hat auch er eine Revolution bewirkt, die als Samtene in die Geschichte einging. Havel wurde dreimal verhaftet und verbrachte insgesamt etwa fünf Jahre im Gefängnis.

Was verbindet die beiden, Lech Walesa mit Vaclav Havel, trotz gänzlich unterschiedlicher sozialer Herkunft und Werdegänge? Nun auch Havel schätzte den leer drehenden Akademismus nicht besonders. Er fürchtete eine durch ihn beförderte entfremdete Gesellschaft, in der der Wissenschaft die Position der obersten Instanz (anstelle des Göttlichen) vorbehalten ist. Havels Skepsis einem instrumentellen Weltverständnis gegenüber kam besonders deutlich in seinen essayistischen Werken zum Ausdruck. 

Auch für die heutigen Tage, in der manch gesellschaftliche Veränderungen angezeigt sind, u.a. atmosphärisch anmutende Denkanregungen, finde ich. Beide, Walesa wie Havel, sagen ja: Nicht nur auf eine Karte setzen. Wissenschaft kocht - neben Kunst, Literatur und anderen Weltzugängen - auch nur mit Wasser. Wir sollten keinen Götzen aus ihr machen. Studien, Zahlenkolonnen und Diagramme sind interessant, ersetzen aber nicht das (beherzte) Denken und Handeln, ja haben manchmal sogar so gut wie gar nichts damit zu tun.

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