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Atmosphärisches Wochenbuch

Fragmente, Katholiken und andere Überlegungen

Raimund Schöll am 13.02.2011

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Fragmente. Dieser Begriff schlich sich hinterrücks bei mir ein, als ich vor zwei Tagen beim Hundeausführen mit Musik im Ohr rhythmisch des Weges ging. Fragmente sind abgelagert, dachte ich, sie befinden sich in der Tiefe des Leibes. Wie heiße Lava arbeiten sie sich karawanenartig von unten nach oben vor und stöbern einem alsbald als kleine geronnene Brockengebilde im Kopf herum. Fragmente sind oft komischer, teilweise dubioser, manchmal auch unanständiger Natur und man kann sich meist nicht gegen sie wehren, denn in der Regel treten sie eruptiv und überraschend ein. Beispielsweise, wenn man spazieren geht oder einen langweiligen Vortrag hört, oder wenn man im Café sitzt und nichts geschieht, kann es passieren, dass ein Fragment oder mehrere Fragmente plötzlich auftauchen. Man denkt vielleicht zeitgleich an braune Frühstückseier, nicht zugeklappte Kloschüsseln, schlechten Sex, übel gelaunte Kameltreiber und einsame Pinguine und so weiter. Nur in den seltensten Fällen freilich schaffen Fragmente aus sich heraus etwas Einheitliches, in Form einer Geschichte, einer wissenschaftlichen Theorie oder dergleichen. In der Regel ergibt sich aus ihnen auch kein rechter Sinn. Sigmund Freud lässt grüßen, dachte ich. Nun kam Redlich hinzu. Er hatte von meinem Selbstgespräch Wind bekommen. Albert Redlich, mein alter Freund, er kann auf vieles zurück blicken. Tiere, Steine, Fische, Regenschirme, alte Truhen und andere Phänomene hat er schon untersucht. Fakt ist, sagte Redlich, sich an mich wendend, Fakt ist mein Herr, dass aus aktenkundigen Fällen hervor geht, dass manche grundsätzlich gar keine Fragmente in sich tragen, da schon der Aufstieg der Lava im Keime erstickt wird. Das nackte individuelle Nichts, verstehen Sie, spielt sich in diesen einschlägigen Fällen ab, sagte Redlich. Schauen Sie nur diese Katholiken an, sagte er. Gedeckelte Lava so weit der Geist reicht! Der Katechismus gibt vor, wie die Dinge zu sehen und zu beurteilen sind. Woher sollen da höchstpersönliche Fragmente kommen? Zwar brodelt es natürlich in diesen Herrschaften, sagte Redlich, naturgemäß sogar mehr als in Ihnen oder in mir, aber es wird im Katholiken nichts aufsteigen, weil es dem Katholik verboten ist, dass in ihm etwas aufsteigt. Alles hermetisch abgedichtet. Ein Drama, rief er. Ich wollte Redlich gerne widersprechen, ich wollte ihm sagen, dass auch der Katholik, ein zu Fragmenten fähiges Individuum ist, ja geradezu sein muss, deswegen, weil der Katholizismus erfahrungsgemäß nicht ganz dicht ist. Der Katholizismus kann nicht ganz dicht sein, wollte ich sagen, weil keine Glaubensidee auf dieser Welt je ganz dicht war. Auch im strengsten katholischen Menschen oder Maoisten steigt hin und wieder aus seiner Lava und sei´s durch kleine undichte Stellen hindurch, etwas Ungerades, sprich Fragmentarisches auf, wollte ich sagen, aber ich kam nicht mehr dazu, da plötzlich andere Probleme im Raum standen. Mein Hund Löwenthal war im Dickicht des Waldes verschwunden. Ich musste ihn suchen gehen. Als ich ihn wieder gefunden hatte, war Redlich über alle Berge. 

Aus: Theo Dünnbiers Gedankenfluchten - Die Kunst den Überblick zu verlieren, unveröffentlichtes Manuskript, 2010 (Raimund Schöll)

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