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Atmosphärisches Wochenbuch

Übers Löschen und Auslöschen

Raimund Schöll am 20.12.2013

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Löschen ist eine entlastende Tätigkeit. Das durchaus auch im übertragenen Sinne. Die Löschtaste ermöglicht schnelle Abhilfe, sowohl an Computern als auch an Handys oder anderen Geräten. Aber auch Durst und Hunger lassen sich – sofern man in unseren Gefielden lebt – gut löschen. Feuer sowieso, im Garten am Lagerfeuer, an Fabrikhallen, und auch wenn man in die Krisen- und Paarberatung geht, vielleicht nicht ganz so schnell, aber es geht. Löschen ist eine praktische Sache. Man kann sich tatsächlich von etwas erleichtern, indem man es einfach löscht.

Auslöschung wäre die Steigerung des Löschens. Denkt man. Auslöschung als Wort hat aber eine andere Konnotation. Während das Verb löschen oft im Zusammenhang mit Erleichterung steht, meint auslöschen oft vernichten, ausradieren. Und es schwingt nicht selten dazu noch der Appell des Vergessens mit. Dass das für psychische und soziale Systeme eine unmögliche Aufgabe ist, wissen wir nicht erst seit Thomas Bernhard’s Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“ (1986). Der handelt davon, was geschehen kann, wenn man darauf abzielt, einen Teil der eigenen Biographie auszulöschen.

Aber gleichwohl versuchen wir es anscheinend - immer und immer wieder -, nämlich schmerzliche Erinnerungen, Verletzungen und traumatische Erfahrungen auszulöschen. Das ist verständlich irgendwie, aber auch bedauernswert, beängstigend und vor allem tragisch.

Der Auftritt des Vaters des NSU-Mörders Uwe Mundlos kann hier als Beispiel genommen werden. Dieser versuchte einen Teil der Biographie seines Sohnes vor dem Strafgericht München auszulöschen, indem er ihn als liebenswerten sozialen Menschen ins Licht rückte, der sich sogar um den kranken Bruder gekümmert hatte und vom Verfassungsschutz vornehmlich zu seinem mörderischen Treiben angestiftet worden war. Damit wurde geleugnet, dass der Sohn ein Mörder war. 

Welche Folgen das hat, kann man sich vorstellen: Es entsteht weiteres Leid, und das nicht nur bei den Familienangehörigen der Opfer, sondern voraussichtlich auch beim Vater und der Familie Mundlos selbst. Die Nichtanerkennung des traumatisch Geschehenen löst in der Regel weitere Dramen aus. Oder führt ins Gegenteil - in die Erstarrung.

Ich finde den Unterschied zwischen löschen und auslöschen evident und wertvoll zugleich: Löschen kann wie gesagt nützlich sein, um sich von etwas zu erleichtern. „Das lösche ich aus meinem Gedächtnis“, ist ja so eine Redensart. Etwas oder jemanden auslöschen dagegen ist die Totale. Auslöschung ist die Leugnung, ist „Drittes Reich“ und verursacht weiteres Leid.

Kommentare

21.12.2013

Matthias Ohler

Auslöschen funktioniert -. aber nur nebenbei, wie unbemerkt Des ist das Subtile man der Auslöschung, dass sie >geschieht. Und man kann andere dazu bringen, sie geschehen zu machen. Ich könnte mir denken, dass es für Organismen am schwersten ist, auszulöschen. Es steht ihrem Drang entgegen, sich selbst zu erhalten (Autopoiese). Auf der ebene psychischer Systeme scheint es mir machbarer, auf der eben sozialer gar am ehesten. Triff eine Unterscheidung - und schon kann es passieren.

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