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Atmosphärisches Wochenbuch

Papst Snowden

Matthias Ohler am 27.01.2014

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Im ARD-Interview mit Edward Snowden, das getsern Abend ausgestrahlt wurde, spricht der Gefragte unter anderem davon, dass man davon ausgehen könne, die NSA habe nicht nur das Handy der Bundeskanzlerin abgehört. Gemäss der Logik der NSA sei davon auszugehen, dass bis hin zur Ebene der Kommunalpolitiken - je nach Bedeutung gewisser Themen - mitgehorcht und mitgelesen worden sei. Snowden sagte nicht, dass es so sei, sondern dass es der Logik der NSA gemäss so sein müsse. Das sei doch klar. - Die Medien springen drauf an. Aber wen überrascht das denn wirklich? Ist es deshalb um einen Deut wahrscheinlicher, weil Snowden gesagt hat, dass es so wahrscheinlch ist wie sicher? Eher wundert man sich über die hartnäckig lange Fokussierung auf das heilige Kanzlerinnen-Handy. Was dann noch kommt, kann ja nur noch weniger schlimm sein.

1988 besuchte ich im Rahmen einer Konzertreise durch Polen auch das Grab von Jerzy Popielusko, den der polnische Sicherheitsdienst 1984 wegen Unterstützung von Solidarnosc hatte umbringen lassen. Der Priester, der uns führte, sagte, als wir vor dem großen Steinkreuz standen, hier habe auch Johannes Paul II. gekniet, seither wisse man, daß Jerzy Popielusko richtig gehandelt habe. - Seither? - Man mag konzedieren, dass der führende Priester damals von dieser Legitimationsform Gebrauch machte, um sich selbst und ihm Anvertraute schützen zu können. Aber Snowden als Legitimationspapst für Gedanken, auf die man selber hätte kommen und die man selber hätte untersuchen können? Nicht nur merkwürdig, sondern geradezu denkwürdig.

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