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Atmosphärisches Wochenbuch

Über Rebellen und anderes in Libyen

Raimund Schöll am 27.03.2011

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In Berichten über die Ereignisse in Libyen wird in den Medien gerne mit dem Begriff des „Rebellen“ hantiert. Als Rebellen werden diejenigen bezeichnet, die gegen Gaddafi die Waffen in die Hand nehmen. Andererseits spricht man von den „Gaddafigetreuen“, die mithilfe von Regierungstruppen versuchen, den „Rebellenaufstand“ nieder zu werfen. Interessant sind auch die Bilder dazu: als Rebellen zeigt man vorzugsweise dreitagesbärtige Kämpfer, die angeblich alle aus dem Osten des Landes kommen, mit dem eigenen PKW zur Front fahrend und Schweißtüchern um den Kopf, Jeans, T-Shirts und leichtes Schuhwerk tragend. Wenn von den Gaddafikämpfern die Rede ist, werden uns gerne fanatisierte Leute mit grünen Kopftüchern (in Anlehnung an das „Grüne Buch“ Gaddafis), das Bild des Revolutionsführers in den Händen haltend und aus dem Westen des Landes stammend, vorgestellt.

Vielleicht täusche ich mich ja, aber wird mit diesen Begriffen und Bildern unfreiwillig nicht ein Klischee bedient? Das Klischee nämlich, dass in Libyen die Guten gegen die Bösen unterwegs sind oder die aus dem einen Teil des Landes gegen die aus dem anderen Teil des Landes kämpfen, so wie einst Südvietnamesen gegen Nordvietnamesen oder die Nordstaatler gegen die Südstaatler? Ich frage mich: Ist die Welt in Libyen tatsächlich so sauber in zwei Teile geteilt? Ist die dualistische Wirklichkeitsbeschreibung eine hilfreiche Beschreibung? Was ist eigentlich mit den versteckten Oppositionellen in Tripolis, die zwar keine „Rebellen“ sind, aber Gaddafi ebenso weg haben wollen? Was ist mit den Gaddafi-Anhängern in Bengasi? Sitzen in Tripolis wirklich nur Gaddafi-Fans und Bengasi ist der Hort glühender Freiheitskämpfer und Demokratie-Anhänger? Wie sieht es eigentlich in den anderen Landesteilen Libyens jenseits der küstennahen Städte aus?

Die Lage könnte differenzierter sein als dargestellt. Wie anderswo in Arabien wird es auch in Libyen Reiche und Arme, Bildungsbürger und Studenten, Intellektuelle und Islamisten, Arbeiter und Beamte, Künstler und Beduinenstämme - eingebunden in unsichtbare Loyalitätszwänge -, Regionen und Volksgruppen geben, sprich unterschiedlichste soziale Felder, deren atmosphärischen Wechselwirkungen wir vielleicht erahnen, von denen wir aber nur wenig wissen, geschweige denn, dass wir etwas davon verstehen. Anzunehmen ist, dass es in diesem Konflikt beileibe nicht nur um die Frage „Gaddafi - ja oder nein?“, sondern schlicht auch um soziale Ausdifferenzierungsprozesse geht. Salopp gesagt: In Libyen wird derzeit nicht nur gekämpft, sondern auch neu gewürfelt, man ist dort hinter den Kulissen vermutlich längst dabei, sich sozial, kulturell und symbolisch neu zu sortieren. Gaddafi könnte in seinem Beduinenzelt schon mal vorsorglich für ein arabisches Wachsfigurenkabinett à la Madame Thussaud Probe stehen.

Ich finde die gestrige Aussage von Präsident Barak Obama vernünftig und klug zugleich. Er sagte bezüglich des militärischen Engagements der USA und anderen Ländern in Libyen sinngemäß, es gehe nicht darum Gaddafi zu stürzen, sondern zu unterbinden, dass seine Truppen wahllos Menschen abschlachten. Der Rest - so interpretiere ich Obama - muss der Selbstorganisation der libyschen Gesellschaft überlassen bleiben. Mein bescheidener Vorschlag für den medialen Umgang mit Libyen wäre daher, ab sofort auch von „Oppositionellen“ oder meinetwegen "oppositionellen Kräften" zu sprechen anstatt monomythisch von „Rebellen“.  

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