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Atmosphärisches Wochenbuch

Win-win oder was? - Ein Interview mit Aldo Haesler über Geld und seine atmosphärischen Wirkungen

Raimund Schöll am 21.08.2011

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Wir führen ihn gern begeistert im Munde, den politisch korrekten Satz - Jeder gewinnt! -, das Ganze gern auch Win-win Situation genannt. Verkürzt ist mit Win-win-Situation gemeint, dass in sozialen Austauschprozessen die Parteien sich wechselseitig ermöglichen, maximale Gewinne einzufahren. Negativ formuliert: keiner soll etwas verlieren! 

Doch der Kontrakt des Win-win ist bei genauerem hinsehen fragil und Einsamkeit fördernd dazu, da inzwischen allein das liebe Geld die bindende Wechselgröße ist. Der, der dies in einem ZEIT-Interview sinngemäß (Ausgabe Nr. 34) behauptet, ist der in Caen lehrende Schweizer Soziologe Aldo Haesler. Seine Kernthese im Interview lautet:

Geld ist das letzte soziale Band in einer vollends individualisierten Gesellschaft, das Einzige, was unsere Erwartungen nicht enttäuscht.

Als Untermauerung seiner Einsamkeitsthese diagnostiziert Haesler eine allseits um sich greifende Soziozenose. So wie es ein Artensterben, die Biozenose, in der Natur schon lange gibt, ereignet sich in kapitalistisch motivierten Systemen ein soziales Artensterben. Die soziale Artenvielfalt nimmt rapide ab, Beziehungen sind in den letzten Jahrzehnten brüchig geworden, sagt Haesler. Als Beispiel führt er an, dass sich innerhalb von 20 Jahren der Intimkreis des Durchschnittsamerikaners auf 2,5 Personen im Gegensatz zu vorher 12,5 Personen reduziert hat. Nach Haesler ist dies die Folge des moralischen Postulats der Win-win-Gesellschaft, das da lautet: Bereichere dich! Gerade auch zwischenmenschliche Beziehungen fallen unter dieses Postulat, da sie zum Rohstoff geworden sind, um einen künstlichen Mehrwert herzustellen.

Jede Parzelle der Beziehung, ob Handy bis zu den Coaching-Kursen für angeschlagene Ehen, alles wird zum Rohstoff eines endlosen Verwertungsprozesses.

Verdrängt zu sein scheint, dass, wenn wir einander Gewinne verschaffen, meistens etwas Drittes ins Spiel eintritt, mit anderen Worten, jemand oder viele, die Zeche einer sogenannten Win-win Situation bezahlen müssen. Das Dritte, als eine Art Minuskonto, auf das wir mit unseren Win-win Geschäften einzahlen, kann ein Entwicklungsland, ein Dorf in der Sahel- Zone oder aber auch eine Familie in Castrop-Rauxel, vielleicht sogar der Lebenspartner oder Kollege sein. So jedenfalls habe ich Haesler verstanden. Und da wir logischer Weise stets Gefahr laufen, als verlierende Dritte selbst in ein Minusgeschäft verwickelt zu werden, verfolgt uns die Angst: Geld schafft Angst, um sie danach durch Geld wieder zu neutralisieren, sagt Haesler. Geld sei eine Macht, die nur nur künstliches Glück erzeuge!

Mit unserem Gewinnen-Wollen verlieren wir also paradoxerweise, manchmal doppelt und dreifach und ohne es bewusst zu merken, könnte man hinzufügen.

Das Interview, dessen Inhalt ich hier nur bruchstückhaft wieder gebe, sei allen atmosphärisch Sensibilisierten empfohlen, schließt es doch an die Frage an, wie Geld als Medium in der Lage ist Atmosphären mit zu gestalten. Wie beeinflusst Geld das täglich Zwischenmenschliche, als unsichtbare Größe vielleicht? Haesler sagt selbst: Das Paradoxe an Geld, ist also, dass es diese Atmosphäre (der Angst, sic.) schafft, aber auch die Mittel gibt, nicht an dieser Angst zu verenden.

Haesler findet im Lauf des Interviews übrigens zu einem bemerkenswerten moralischen Imperativ. Der lautet:

Wenn zwei oder mehr einen Profit machen, suche den ausgeschlossenen Dritten, der die gesamte Zeche bezahlt.

Für alle Win-win-Begeisterte vielleicht ein nicht uninteressanter Merk- und Bedenksatz. 

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