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Atmosphärisches Wochenbuch

Wie verändert Verreisen, atmosphärologisch gesehen? Ein Interview

Raimund Schöll am 31.08.2011

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Warum fahren wir in den Urlaub oder warum verreisen wir? Eine von vielen Antworten könnte lauten: wir tun dies, um neue Atmosphären zu erleben und vielleicht auch, weil wir hoffen, uns neu zu entdecken. Reisen verändert, heißt es ja auch so schön. Doch die Frage ist: Was ermöglichen uns fremde und neue Atmosphären? Wie veränderungswirksam können die neuen Atmosphären sein? Folgender Dialog versucht ein paar Antworten zu geben.

Interviewer: Wie verändert Urlaub oder Verreisen, atmosphärologisch gesehen?

Atmosphäriker: Im Urlaub wollen wir meistens alles hinter uns lassen, den Stress, den nervigen Alltag, ja  manchmal sogar uns selbst. Aber egal wo wir sind, merken wir dennoch schnell: wir haben uns dorthin, wo wir unterwegs oder im Urlaub sind, mit genommen.

Interviewer: Und die Hoffnung, wir mögen uns in der neuen Sphäre persönlich verändern - das hoffen ja manche, wenn sie in den Urlaub fahren – wie steht’s damit?

Atmosphäriker: Die wird oft enttäuscht.

Interviewer: Warum?

Atmosphäriker: Was kann eine angebotene Atmosphäre schon ausrichten, wenn wir innerlich faul sind? Die Hüpf- und Klatschübungen des Club Mediterranee vermögen da wenig auszurichten. Auch der Ashram in Poona, als ehemals vermeintlich spiritueller Langzeiturlaubsort mit seinen Räucherkerzen, dem Orange allerorts und den Verzückungsübungen, hat bei vielen ja keine wesentlichen Veränderungen bewirkt, ebenso wenig wie es heutzutage Bungee-Sprünge oder River Rafting vermögen. 

Interviewer: Was vermögen wir dann für uns durch das Verreisen und seine atmosphärischen Angebote?

Atmosphäriker: Solange wir die uns dargebotene Atmosphären passiv konsumieren, kann das Verreisen, der Urlaub bestimmte Facetten, Vorlieben, Eigenarten neu in uns neu hervor bringen. Das Tagträumen zum Beispiel oder das Faulenzen, vielleicht auch ein besseres Zuhören dem Partner gegenüber. Oder schlicht das Spaß-Haben. Aber das ist ja alles eigentlich schon vorher angelegt. So gesehen stößt man durch einen passiven Atmosphärenwechsel - vorausgesetzt er erweist sich als angenehm – auf sich selbst wie auf einem guten alten Bekannten, den man vielleicht lange nicht mehr zu Gesicht bekommen hat, der aber unvergesslich ist. Neues entsteht auf diese Art weniger. Muss ja auch nicht!

Interviewer: Bleibt dennoch die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen uns ungewohnte Atmosphären im Urlaub oder auf Reisen tatsächlich verändern können. Ich meine so, dass man etwas wirklich Neues an sich oder der Welt entdeckt. Das Heilsversprechen so mancher Reise- oder Wellnesskataloge lautet ja oft so: Begib dich in unsere Hände und alles wird anders! Genieße die Fangopackungen, das Essen, die tolle Aussicht, die frische Luft, die Abendfolklore und du wirst als Runderneuerter zurück kehren. Irgendwo stand einmal sinngemäß in einem Prospekt zu lesen: Besuchen Sie uns und Sie werden als anderer zurück kehren.

Atmosphäriker: Damit ungewohnte oder neue Atmosphären nicht nur inspirieren oder Altbekanntes wieder bekannt machen, sondern auch verändern, bedarf es bestimmter Voraussetzungen. Eine Voraussetzung wäre: es braucht ein Tätigsein!

Interviewer: Ein Tätigsein?

Atmosphäriker: Ja, ein inneres und/oder ein äußeres Tätigsein. Atmosphären können dann für uns persönlich als veränderungswirksam erlebt werden, wenn wir zum Mitaktant der Atmosphäre werden bzw. uns als solchen erkennen. Wir stellen fest: diese Atmosphäre, die jetzt da ist, ist auch da, weil ich hier bin. Ich habe die Atmosphäre mit gestaltet, innerlich, äußerlich oder beides zugleich.

Interviewer: Geben Sie mir ein Beispiel.

Atmosphäriker: Nehmen wir an, Sie bekommen in einem Hotel Fangopackungen, Massagen und dergleichen. Solange Sie sich genau nach der vor gegebenen Choreographie des Hotels bewegen, ist die Atmosphäre nur eine die Ihnen angeboten wird, in die Sie sich gleichsam hinein fallen lassen. Sie sind passiver Rezipient einer wie auch immer inszenierten Atmosphäre des Hotels. In dem Moment aber, wo Sie beginnen zu fragen, ob man nicht die Hintergrundmusik anders einstellen kann oder Sie das Personal höflich bitten, die Lichtverhältnisse zu verändern oder Sie während der Massage anfangen, ein Lied zu trällern, sind Sie nicht nur Empfänger der Atmosphäre sondern auch deren aktiver Mitgestalter, ein Mit-Choreograph der Atmosphäre sozusagen.

Interviewer: Verstehe. Man nimmt einfach Einfluss.

Atmosphäriker: Bedeutender als die äußere allerdings ist meiner Erfahrung nach die innere Mitgestaltung. Damit sei gemeint, sich selbst zu versuchen dabei zu beeinflussen, was man als Atmosphäre wahr nimmt. Es ist ja durchaus nicht so, dass das was wir als Atmosphäre ausgeben, unabhängig von uns als Beobachter existiert. Je nachdem, welche Phänomene wir als atmosphärisch beitragswirksam identifizieren, werden wir die Atmosphäre auch wahrnehmen. Als Urlauber in Griechenland zum Beispiel können Sie viel Improvisiertes ausmachen. Keine perfekten Häuser, keine perfekten Strommasten, keine perfekten Sicherheitskontrollen an Flughäfen und vielleicht auch unperfekt demonstrierende Menschen in Athen. Wer sich also nur darauf konzentriert, wird sich in Griechenland schnell unsicher fühlen und vielleicht sagen, die Atmosphäre dort sei ungut derzeit.

Interviewer: Leuchtet ein. Aber, wie verändere ich mich nun durch den Urlaub? Vielleicht will ich ja die Atmosphäre dort nur passiv konsumieren?

Atmosphäriker: Das wäre ja in Ordnung, sofern Sie sich einfach nur ihren Primärprozessen überlassen wollen, ist das eine Lösung. An sich verändern werden Sie dadurch aber kaum etwas.

Interviewer: Also ich fasse kurz zusammen: Damit ich mich also durch und mit Atmosphäre verändern kann, muss ich mich um Atmosphäre aktiv bemühen.

Atmosphäriker: Ja, so könnte man verkürzt sagen!

Interviewer: Was wäre eine weitere Voraussetzung, damit für mich die Atmosphäre im Urlaub veränderungswirksam wird?

Atmosphäriker: Eine weitere Voraussetzung wäre, anzuerkennen, was atmosphärisch schon da ist.

Interviewer: Wie das? Das ist doch paradox! Erst sagen Sie, du musst mit gestalten und nun soll ich plötzlich die vorhandene Atmosphäre akzeptieren.

Atmosphäriker: Ich meine damit, dass Sie nicht auf die Idee kommen sollten, in der Provence nach einer typisch deutschen Restaurantbeheimatung zu verlangen oder in Mecklenburg Vorpommern nach bayerischer Blasmusik. Da geht nämlich der Schuss nach hinten los. Denn bevor du atmosphärisch wirksam werden kannst, ist ja schon Atmosphäre da. Also wäre wichtig zu sehen, wo und wie kann ich die vorhandene Atmosphäre überhaupt sinnvoll mit gestalten? Um auf unser Beispiel von vorher zurück zu kommen: In Griechenland wäre sicherlich unangebracht, zu erwarten, alles möge wie am Schnürchen funktionieren.

Interviewer: Das ist ja alles machbar, denke ich. Bisher kann ich mir das alles gut vorstellen. Was braucht es sonst noch, damit ein Urlaub oder eine Reise für mich veränderungswirksam wird?

Atmosphäriker: Das Wichtigste wäre meines Erachtens, so etwas wie einen gefühlten Sinn oder den felt sense zu finden. Der Begriff stammt ursprünglich von Eugene Gendlin. Gendlin will mit dem Begriff zum Ausdruck bringen, dass unser Körper und nicht der Kopf am besten spürt, in welche Richtung man sich bewegen muss, um sich zu verändern. Auf die Atmosphärologie bezogen heißt das: ich versuche mit meinem felt sense heraus zu finden, was mir eine bestimmte Atmosphäre, in unserem Fall die des Urlaubs, zu erzählen hat. Ich nehme wahr und spüre, was dort alles ist und irgendwann beginnen die Dinge und Phänomene zu sprechen, wenn ich will.

Interviewer: Sie machen Scherze! Dinge, die sprechen können. Bewegen wir uns da nicht im Bereich des magischen oder metaphysischen Denkens?

Atmosphäriker: Durchaus nicht. Die Frage ist ja, was gehen uns die Dinge und Orte, die wir rund um uns versammelt sehen, an? Bruno Latour, ein französischer Soziologe, spricht diesem Zusammenhang vom Parlament der Dinge. Wenn wir atmosphärisch achtsam durch die Welt gehen, sollten wir uns um Menschen und Dinge kümmern, den Phänomenen eine Sprache geben und wir können dabei ganz neue Erfahrungen machen, die vielleicht ganz und gar unspektakulär, aber wirksam sind, gerade auch im Urlaub. Selbst ein ödes Stahlrohr kann aus dieser Perspektive beitragswirksam für eine kleine persönliche Veränderung sein.

Interviewer: So oder so ähnlich hat das doch schon mal Herr Ohler hier im Wochenbuch gesagt, nicht wahr?

Atmosphäriker: So ist es!

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