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Atmosphärisches Wochenbuch

Warten

Raimund Schöll am 05.03.2011

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Warten ist ein wesentlicher Bestandteil des modernen Lebens. Nehmen wir das Fliegen. Zuerst erwartet man am Schalter mit viel Geduld die Ausstellung des Tickets, diverse Umständlichkeiten inbegriffen: Ihr Gepäck geht nicht als Handgepäck! Es tut mir leid, einen Gang- oder Fensterplatz haben wir nicht mehr für Sie! Dann, nach erneuter Wartezeit, erfolgt die Kontrolle der Gegenstände, die man mit sich führt. Diese Zeremonie nötigt einem ein Höchstmaß an Wartetoleranz ab, da hinzunehmen ist, wie diverse Herren in Uniform an schwarzen Laufbändern an einem herum tatschen. Zusammen mit anderen, in notorisch neonbeleuchteten Warteräumen beginnt sodann die hoffnungsvolle Erwartung des rechtzeitigen Abfluges. Erfolgt der ausnahmsweise pünktlich, währt die Freude nur kurz. Denn es sitzt ganz sicher neben einem, Arm an Arm, ein schwitzender, nach dreitägigem Messeaufenthalt riechender Mitwartender. Restaggregate von Optimismus aktivierend, das Innere nach Mantras absuchend, überbrückt man nun die nicht enden wollende Flugzeit bis der Pilot die Banane, in der man mit den vielen anderen Menschenparkgenossen auf die Landung wartet, unzerquetscht wieder auf den Boden gebracht hat. Dann, oh Überraschung - kommt Bewegung in die Szenerie, der Moment nämlich, in dem die Fluggäste um einen herum wie wilde Tiere ihr Gepäck aus den Gepäckluken reißen und mit erhobenen Armen ihren Achselgeruch verbreiten, bis dann doch wieder in zähfließender Warteschlange auf den Ausstieg gewartet werden muss. Es folgt in der Ankunftshalle schließlich ein Herbeisehnen der Tasche, die man vorher – wie schon erwähnt - nicht als Handgepäck deklarieren durfte, an monoton surrenden Laufbändern. Manchmal, denke ich, wäre ich lieber Milchbauer geworden. Dem Milchbauern wird die Milch zwar ab und an sauer, auf jeden Fall aber gibt es für den Milchbauern andere Atmosphären, in denen er auf etwas warten muss.

Aus: Theo Dünnbiers Gedankenfluchten - Die Kunst den Überblick zu verlieren, unveröffentlichtes Manuskript, 2011 (Raimund Schöll)

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