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Atmosphärisches Wochenbuch

Wahlsager

Matthias Ohler am 06.09.2013

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Die ZEIT hat sich mal wieder was Bildendes einfallen lassen: Sie befragte 48 Intellektuelle und Künstler, welche Partei oder wen sie am 22. September zu wählen gedenken. Über die Zuordnung mancher Befragter zur Klasse der Intellektuellen oder Künstler mag man sich beim einen oder andern streiten können, aufregend ist aber eher die Diversität der Kulturen der Entscheidungsfindung, die uns hier begegnet. Während Jürgen Habermas sowohl in treffenden atmosphärischen Metaphern ("Wortschwall der Verleugnung /legt sich/ wie ein Schaumteppich auf die Köpfe einer verunsicherten Bevölkerung") als auch, wie ich finde, aus klug analysierender Perspektive schreibt ("Um für den Kurs in Richtung eines demokratischen Kerneuropas Mehrheiten zu schaffen, wird sich freilich am Ende die ganz große Koalition der zwei einhalb europafreundlichen Bundestagsparteien zusammenfinden müssen"), quält sich Martin Walser durch seine Sympathiegefühle von Peer zu Angela hin und verwechselt die Sprachspiele: "Wer recht haben muss, muss Herrn Steinbrück wählen. Wer leben will, kann Frau Merkel wählen. Und ich habe schon vor mehr als zehn Jahren eingesehen und formuliert, dass das Rechthaben kein nennenswerter Bewusstseinszustand ist." Mag sein. Aber in politischen Diskursen geht´s ums Leben und Überleben und die geeigneten Konzepte dafür, übrigens auch für die Leute, die einem vielleicht nicht so sympatisch sind, für die man aber mit Verantwortung trägt. Insofern kann man vielleicht froh sein, wenn Walser aufs Rechthaben verzichtet. Worauf Walser allerdings mit anspielt, ist der Stil, mit dem man im Diskurs unterwegs ist zum Recht, und wie man dies präsentiert. Hier trifft er etwas atmosphärisch Bedeutsames. Man könnte es den Gewissheitsstil nennen. Er irrt sich dabei über Angela Merkel, die den sanften Gewissheitsstil gut spielt. Der Fokus freilich, den Walser anbietet, ist wieder mal beachtenswert. Dem Spitzbuben Richard David Precht gelingt nicht einmal der Gestus einer attraktiven Kombination aus Sloterdijk und Habermas. Sein sophistisches Fazit: "So gesehen, ist selbst die Wahl zwischen Wählen oder Nichtwählen nicht wirklich wichtig." Erschreckend arrogant und gedankenlos. Hoffen wir, dass er nicht wählt, und vor allen Dingen: nie kandidiert, auch nicht für den Philosophenthron.

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