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Atmosphärisches Wochenbuch

Victor Klemperers Tagebücher

Raimund Schöll am 22.05.2011

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Wer verstehen lernen will, wie Sprache, Dinge als Symbole, Kommunikationen, Menschen und Habitusformen als Aktanten atmosphärisch wirksam werden, bzw. wie gesellschaftliche Atmosphären in private hineinwirken können, dem seien die Tagebücher Victor Klemperer´s empfohlen. Victor Klemperer, 1881 in Landsberg/Warthe geboren, Kind eines Rabbiners, studierter Philosoph, Romanist und Germanist, bekleidete das Lehramt der technischen Hochschule in Dresden und schrieb, nachdem ihm von den Nazis das wissenschaftliche Arbeiten mehr oder weniger, unmöglich gemacht wurde, seine Lebensgeschichte nieder. Er starb 1960 in Dresden, bekam 1995 nachträglich den Geschwister Scholl Preis in München verliehen. Klemperer erweist sich in seiner Beobachtungsgabe m.E. als genialer Atmosphäriker. Hier einige  Auszüge aus seinem Tagebuch von 1933-1934:  

30. März

...Gestern bei Blumenfelds mit Dembers zusammen zum Abend. Stimmung wie vor einem Pogrom im tiefsten Mittelalter oder im innersten zaristischen Rußland. Am Tage war Boykott-Aufruf der Nationalsozialisten herausgekommen. Wir sind Geiseln. Es herrscht das Gefühl vor (zumal der Stahlhelmaufruhr in Braunschweig gespielt und sofort vertuscht worden), daß diese Schreckensherrschaft kaum kaum lange dauern, uns aber im Sturz begraben werde. Phantastisches Mittelalter: (S.15)

31. März

...Es wurden die Ereignisse des 21. März vorgeführt, Stücke aus Reden gesprochen. Hindenburgs Proklamation mühselig, mit Atemnot, die Stimme des uralten Mannes, der physisch fast zu Ende ist. Hitler pastoral deklamierend. Goebbels sieht ungemein jüdisch aus, Eva sagt mit Recht, dem Schauspieler Deutsch (dem Pojazspieler) ähnlich. (S.17)

3. April, Montag abend

...Am Sonnabend rote Zettel an den Geschäften: "annerkannt deutschchristliches Unternehmen". Dazwischen geschlossene Läden, SA-Leute davor mit dreieckigen Schildern: "Wer beim Juden kauft, fördert den Auslandboykott und zerstört die deutsche Wirtschaft". (S.17-18)

10. April, Montag

....Annemarie Köhler war gestern abend bei uns. Erfüllt von äußerster Erbitterung. Sie erzählt, wie fanatisiert die Schwestern und Wärter im Krankenhaus sind. Sie sitzen um den Lautsprecher. Wenn das Horst-Wessel-Lied  gesungen wird (jeden Abend und auch sonst), stehen sie auf und erheben den Arm zum NS-Gruß.- (S.21)

15. Mai

...Jule Sebba ein paar Tage in Dresden. Einen Abend mit Frau Schaps bei uns. Den nächsten abend wir bei Frau Schaps. Dort auch Gerstles und Salzburgs. Ganz herzlich, aber keine neuen Berührungspunkte und wenig alte mehr. Die Gespräche überall die gleichen, die Situation in Königsberg nicht anders als hier. (S.27)

Victor Klemperer, Tagebücher 1933-1934, Aufbau Taschenbuch Verlag. 2. Auflage, 1999

 

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