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Atmosphärisches Wochenbuch

Treffen sich zwei Altgenossen zum Mauerbau

Raimund Schöll am 17.08.2011

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Im Spiegel der neuesten Ausgabe (Nr. 33) steht zu lesen, wie sich neulich in Berlin zwei ältere Herren aus SED-Altkaderkreisen, der Armeegeneral a.D. Heinz Kessler (91) und Fritz Streeletz (85), seines Zeichens Generaloberst a.D., im Saal der Zeitung „Neues Deutschland“ pünktlich zum Mauerjubiläum zusammen fanden, um vor geladenem Publikum ihre Perspektive zum Bau der Berliner Mauer zum Besten zu geben. Der Titel der Story: Ortstermin: In Berlin feiern zwei alte Genossen den Bau der Mauer. Das dazu abgebildete Foto zeigt die zwei greisen Herren an einem Tisch sitzend, getrennt durch einen Moderator, der offensichtlich die Diskussion moderiert. Unterlegt ist das Bild mit dem Satz „Propagandisten Streletz(l.), Kessler (r).

Während des Lesens frage ich mich, warum der Autor das Wort „Propaganda“ in seinem Text als ein Unwort der SED-Zeit identifiziert, wenn er es schließlich selbst in der Bildunterschrift für seine Zwecke anwendet. „Es ist seltsam, wenn man hier sitzt, im überfüllten Saal der ‚Zeitung Neues Deutschland’ und das Wort hört: Propaganda. Es ist ein Kindheitswort, wenn man aufwuchs im Osten. So wie ‚Konterrevolution’ oder ‚Imperialisten’.“

Dann wird beschrieben, wie der Generaloberst a.D. Streletz lange von Blättern in einem roten Hefter abliest, und der Autor  erinnert sich, „dass man damals kein Yoga brauchte, um mal richtig runter zu kommen“. An anderer Stelle wird dem Leser erklärt, dass das gebräunte Gesicht von Herrn Streletz aussieht, „als käme er gerade von einem Arbeitsbesuch aus Kuba“, und dass er „kräht“, während er seine Sicht der Dinge darstellt.

Angesichts solcher und anderer Einlassungen, die der Bericht enthält, gewinne ich nicht nur ein Bild über die Weltanschauung der beiden unverbesserlichen DDR-Größen, kommt mir vor, sondern auch eins darüber, wie  atmosphärische Autopoiese funktioniert. Durch die im Artikel wiederholte Beschreibung und Kommentierung der Hexis der beiden Altkader - „Kessler starrt maskenhaft ins klatschende Publikum“ (ich frage mich, welche Hexis sonst erwartet man von einem 91-jährigen) - oder - „Streletz liest mit leiernder und monotoner Stimme, und man denkt an die Fernsehübertragungen von Parteitagen ...“- wird bildreich eine bestimmte Atmosphäre beklagt, die andererseits dadurch das sie in der Weise beklagt ist, journalistisch miterzeugt wird. Das Ganze erinnert mich ein wenig an das Buch „Psychologie der Dämonisierung“ von Haim Omer und Arist von Schlippe, das davon handelt, wie dämonisch-stickige Entweder-Oder-Weltbilder psychologisch erzeugt und aufrecht erhalten werden. Auch Sektengegner kriegen ja manchmal was Sektiererisches. Streng genommen könnte man auch so manche Rede von Angela Merkel oder Frank Walter Steinmeier im Bundestag in der oben beschriebenen Art darstellen, und es würde uns wahrscheinlich auch dabei ein leichter Gruselschauer über den Rücken fahren. 

Wäre nicht mehr damit gedient, diese und andere Auftritte von ewig Gestrigen (Pinochet, Mubarak etc.) essayistisch als das zu beschreiben, was sie auch sein könnten: nämlich als tragisch, lächerlich, vielleicht sogar komisch, jedenfalls nicht als dämonisch, bzw. immer noch irgendwie wahnsinnig wirksam? Charlie Chaplin mit seinem Film "Der große Diktator" hat vor gemacht, wie's gehen könnte. Der Autor schließt seinen Artikel übrigens mit einem vorletzten Satz: "Sie signieren ihr Buch, Bewunderer überreichen Blumen, und dann möchte man nur noch weg, die Treppe runter, an die Luft...."

Wundert nicht, finde ich. 

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