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Atmosphärisches Wochenbuch

So ein Theater

Raimund Schöll am 08.05.2013

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Der Biergarten war angefüllt von sonnenhungrigen und Bier trinkenden Menschen. Ich steuerte auf einen der wenigen freien Sonnenplätze zu und freute mich, einen Platz für meine Lebenspartnerin und mich ergattert zu haben. Auf dem Tisch standen noch ein paar unschön zugerichtete Teller auf einem mit Senf- und Ketchupresten versifften Tablett herum. Also stellte ich das Tablett kurzerhand auf den leeren Nachbartisch nebenan, auf dem nur noch ein einsamer Maßkrug mit einem Rest schalen Bieres darin stand, während sich meine Lebenspartnerin los machte, um uns etwas zu essen und zu trinken zu besorgen.

Ich hatte mich gerade auf meinem Stuhl niedergelassen, hielt mein Gesicht in die Sonne, da schoss von rechts ein älterer, massiger Mann mit weißen Tennissocken in den Sandalen auf mich zu, reckte seinen Kopf nach vorn und begann grimassierend auf mich einzureden. Er müsse sich nun leider an meinen Tisch setzen, es tue ihm sehr leid, aber es so gehe es nicht und wie ich mir das jetzt vorstellen würde?! Ich verstand zunächst nicht, was ich falsch gemacht hatte, aber nach und nach begriff ich. Es war nämlich so: Die einsame fast leere Maß Bier, die ich für herrenlos bzw. frauenlos gehalten hatte, wähnte der Mann noch in seinem Besitze. Dass er nur kurz mal weg gewesen war, um sich eine neue Maß Bier zu kaufen, hätte ich doch bitteschön erkennen sollen, und zwar gerade an dem fast leeren Maßkrug mitten auf dem Tisch. Der Tisch mit dem fast leeren Maßkrug darauf war also aus der Sicht des Mannes dessen Territorium, in das ich mich unverschämter Weise hinein bewegt hatte, indem ich das versiffte Tablett darauf abstellte. Nun bestand der Mann im Umkehrschluss darauf, meinem Territorium beizuwohnen, zum Ausgleich sozusagen.

Aber das war mir nun ganz und gar nicht recht. Ich wollte meinen Tisch nicht mit diesem Mann, sondern mit meiner Frau teilen. Also stand ich auf und bot dem Mann an, er könne sich gerne an meinen Tisch setzen, ich ihn somit frei gäbe. Im Gegenzug würde ich zu dem den Tisch, welchen er eben noch als den seinen markiert hatte, hinüber wechseln. Das Tablett könne ich ja dann weg räumen, kein Problem, weil ja heute offensichtlich keine hauptamtlichen Tablettabräumer im Einsatz seien. Ich fügte meiner Offerte noch die Bemerkung hinzu, dass er, der Mann, das Ganze sicher auch ohne Theater hätte haben können, und ich nicht die Absicht hätte, mich zu streiten an einem so herrlichen Tag wie diesen. So weit so gut.

Doch meine angebotene Friedenspfeife griff nicht. Im Gegenteil, der Mann mit den weißen Socken in den Sandalen wurde nun erst recht fuchsig. Er schimpfte wieder los. Sein grauer Schnauzbart klappte rauf und runter. Die umliegenden Tische begannen zu lachen. Er und Theater, das sei ja der Gipfel der Unverschämtheit. So was müsse er sich nun wirklich nicht gefallen lassen. Das sei ja grotesk, ein Theater, das würde wenn, dann wohl ein anderer hier gerade veranstalten. Mit seiner frischen Maß Bier in der rechten und seinem Teller Leberkäs in der linken Hand machte er sich dann aber kopfschüttelnd zum überübernächsten Tisch hinüber auf.

Von dort aus rief er mir dann über zwei Tische hinweg noch abschließend zu, dass er mit einem Unsympathen wie mir nicht mehr reden und schon gar nicht Tisch an Tisch sitzen wolle. Er und Theater. So etwas gehöre ja verboten. 

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