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Atmosphärisches Wochenbuch

Shakespeare in Wien

Matthias Ohler am 22.05.2013

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"So foul a sky clears not without a storm." So Shakespeare, zitiert von Stefan Zweig in seinen Lebenserinnerungen Die Welt von Gestern, als er die Stimmungslage im Österreich von 1934 beschreibt, kurz vorm Überfall der Heimwehr auf das Haus der Arbeiterschaft in Linz, dem anschkließenden Generalstreik und schließlich der Ermordung des Kanzlers Dollfuß.

Zweigs Beschreibungen sind als Lernbeispiele geeignet, wie und was man atmosphärisch beobachten kann, von der Kleidung plötzlich auftauchender Prügel- oder Kontrolltrupps in Wien 1934 bis hin zur Wahrnehmung von Geräuschensembles an belgischen Badestränden 1914. Besonders interessant scheint mir, wie klar Zweig dabei auch atmosphärische Irrtümer oder Wahrnehmungslosigkeiten (blind, taub usw. für eigentlich Offenkundiges bzw.) benennt und atmosphärisches Erinnern zur Lernschärfung für aktuelle Gegenwarten anbietet. Auch hier dienen als Beispel u.a. die Kämpfe zwischen Wehrmacht und Arbeiterschaft in Wien 1934. "(...) wir glaubten töricht den offiziellen Mitteilungen, daß alles schon beigelegt und erledigt sei. (...) alle Geschäfte waren offen, die Menschen gar nicht erregt. (...) Kaum, daß die Bahnen wieder verkehrten (...) fuhr ich nach Salzburg zurück, wo mich zwei, drei Bekannte, die ich auf der Straße traf, sofort mit Fragen bestürmten, was eigentlich in Wien geschehen sei. Und ich, der ich doch der ´Augenzeuge´ der Revolution gewesen, mußte ihnen ehrlich sagen: ´Ich weiß es nicht. Am besten, ihr kauft eine ausländische Zeitung.´"

Zu glauben, in ruhigen Zeiten zu leben, kann sich als beunruhigender Irrtum herausstellen. Es soll allerdings Menschen geben, die die Aufklärung noch des offenkundigsten Irrtums lässig zu verhindern wissen.

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