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Atmosphärisches Wochenbuch

Schmatzen

Matthias Ohler am 18.01.2013

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"Die unüberhörbare Empörung, die sofort den Raum füllte, wenn Westerwelle vors Mikro trat." So der Körperleser Ulrich Sollmann in einer sehr treffenden atmosphärischen Beobachtung zu Guido Westerwelles Wirkung noch vor Jahren, zB bei der berüchtigten Pressekonferenz, die der frischgebackene (der sah wirklich aufgebacken aus) deutsche Aussenminister in deutscher Sprache trompetete.   (siehe unter http://carl-auer.de/blogs/koerper/2013/01/vom-rhetorischen-saulus-zum-rhetorischen-paulus/#more-132 )

Wie ist Westerwelles geänderte Art zu verstehen? Sollmann, so sagt er, erlebt Westerwelle nicht als Kreide fressenden Wolf, sondern meint, der habe tatsächlich gelernt, sich "aus der zweiten Reihe zu melden". Mein Eindruck ist, dass man sehr deutlich merkt, dass hier was gelernt wurde und das u.a. dem zuzuschreiben ist, dass GW in der öffentlichen Wahrnehmung genau dort steht, nämlich in der zweiten Reihe - wenn nicht noch weiter hinten. Man darf mit Ulrich Sollmann gespannt sein, welche Rolle Westerwelle von dort aus im Bundeswahljahr zu spielen versucht. Wenn, dann eine, die einen FDP-Erfolg - schon 5% würden ja als solcher verkauft - (auch) ihm, Misserfolg auf keinen Fall ihm zuschreiben wird.

Guido Westerwelles Erklärung zu den Ereignissen in Algerien wirkt übrigens auf mich, als habe er besonders viele Helmut-Schmidt-Clips angesehen. So viele Schmatzer.

Kommentare

18.01.2013

Matthias Ohler

Wir hatten Willy Brandt und Helmut Schmidt, für mich beide Melancholiker unterschiedlichen Typs. Gar nicht zu reden von Gustav Heinemann. Die Zeiten scheinen vorbei zu sein, da jemand das glaubwürdig verkörpern kann. Guido jedenfalls glaub ich's nicht.

18.01.2013

Raimund

Neulich stand in der ZEIT ein sehr persönliches Portrait zu Sigmar Gabriel zu lesen. Er gab dort Auskunft über seine Kindheit und über sein Verhältnis zum unverbesserlichen Nazi-Vater.

Dazu wurde ein Foto von ihm gezeigt. Seine Hexis dort hatte etwas melancholisch Verunsichertes, kam mir vor. Das hin und wieder in der Öffentlichkeit als "sprunghaft" kritisierte Verhalten Gabriels, von dem ich auch beeinflusst war, bekam für mich plötzlich einen Sprung. Anstelle von "sprunghaft" setzte mein Sprachgefühl "leidenschaftlich", ja auch "rauflustig" , in jedem Fall aber "verletzbar".

Atmosphärisch-soziologisch könnte man so sagen: Sigmar Gabriel hatte offensichtlich nicht so viele Gelegenheiten wie andere, schon in der Jugend den robusten bürgerlichen Habitus einzuüben, der ja in Deutschland oft recht piefig daher kommt. Den musste er sich im Laufe der Zeit wohl eher mühsam erarbeiten, und er ist offensichtlich bis heute damit beschäftigt, diesen immer wieder herzustellen. Ein Anstrengung.

Ich finde das einerseits ja sympathisch. Ich frage mich aber schon seit längerem: Warum soll es in Deutschland nicht auch mal ein ehrlicher Melancholiker in die erste Reihe der Politik schaffen? Einer, der uns das auch zeigen darf, nicht nur in der ZEIT? Warum verdrehen wir Deutsche uns immer nach den Politiktypus "präpotent" den Kopf? Guttenberg, der "alte" Westerwelle und Konsorten lassen grüßen?

In der Tschechei wars übrigens möglich. Der ehemalige Präsident Watzlav Havel ging bekanntlich als "tauriger", aber hoch verehrter Präsident" in die Geschichte ein. Die Atmosphäre, die Havel verbreitete, war eher die der Nachdenklichkeit und Behutsamkeit. Und damit wurde auch was erreicht.

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