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Atmosphärisches Wochenbuch

Resonanz und Paarbeziehung

Raimund Schöll am 28.08.2016

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Mona geht durchs Moos. Sie sieht und hört und riecht. Der große stille See breitet sich vor ihr aus. Dahinter die Berge, ein paar Birken am Wegesrand. Über ihr ein munteres Falkenpärchen. Von einem Moment auf den anderen hat sie das Gefühl, mit der Welt zu verschmelzen, sie spürt nackte Gegenwärtigkeit. Sie erlebt sich nunmehr nicht als äußere Beobachterin eines Geschehens sondern als Teil eines Ganzen, - das schließlich sogar mit ihr zu sprechen scheint.

Klingt fast ein wenig esoterisch, aber der, der so redet, ist kein Geringerer als der Gesellschaftstheoretiker Hartmut Rosa. In seinem neuesten Buch spricht er darüber, dass uns solche und ähnliche Erlebnisse wesentlich sind, ja wir die Erfahrung geradezu suchen, mit uns und der Welt hin und wieder wie oben beschrieben in Einklang zu sein. Er nennt dies Resonanz. Resonanz hat etwas mit dem Wunsch nach Wechselseitigkeit und Unmittelbarkeit zu tun. Der Mensch gerät in Schwingung mit seiner Umwelt, es entsteht eine Wechselwirkung zwischen ihm und der Welt. Resonanz können wir im Austausch mit anderen erleben, beim Dichten, Schreiben, Malen oder in der Natur. Manche erfahren Resonanz auch in der Religion, in sich selbst allein und - natürlich auch und ganz exclusiv in der Paarbeziehung

„Gelingende Weltbeziehungen“, sagt Rosa, „sind solche, in denen die Welt den handelnden Subjekten als ein antwortendes, atmendes, tragendes, in manchen Momenten sogar wohlwollendes, entgegenkommendes oder gütiges `Resonanzsystem’ erscheint (Rosa, 2012, S.9).

Resonanz im Sinne Rosas gelingt allerdings nicht in einem instrumentellen oder kausalen Modus, sprich wenn wir uns hierfür anstrengen oder gar abrackern müssen. Resonanzerlebnisse sind gerade nicht zu kaufen wie eine Wellnessreise, und schon gar nicht sind sie auf Knopfdruck herstellbar. Im Gegenteil: Wir benötigen ein gewisses Maß an Unabsichtlichkeit, um Resonanzerlebnisse kommen und gehen zu lassen - eine Art von frei schwebender Aufmerksamkeit.

Und gerade dies scheint schwierig heutzutage. Es gibt viele soziale „Dämpfungen“, die Resonanz im oben beschriebenen Sinne nahezu verhindern: Zeitdruck, Termindruck und vor allem Konkurrenz. Wir können als Menschen entweder resonieren oder konkurrieren. Nicht beides geht gleichzeitig, sagt Rosa, und er entwirft hier ein interessantes Bild:

Der Mensch von heute, der Resonanz sucht, sie aber - durch eigenes Verhalten mitbedingt - kaum mehr erfährt oder gar selbst verhindert.

Können wir etwas tun? 

Ich meine, ja. Ob wir Resonanz erleben oder nicht, ist m.E. eine Frage der Aufmerksamkeitsfokussierung. Wenn wir bewußt öfter schöne, angenehme Orte aufsuchen oder uns Freiräume und Sphären schaffen, die uns die Chance geben, mit uns und der Welt in Beziehung zu treten. Wenn wir hin und wieder langsamer werden anstatt immer noch schneller, wir uns Zeit für uns nehmen, wir öfter den Zug anhalten, wir hin und wieder durchatmen, um uns mehr mit uns, miteinander und der Welt zu beschäftigen, wir zumindest phasenweise zweckfrei leben, um so zu erfahren, worum es uns im Leben - ausser gut zu funktionieren - noch geht, kann ein resonantes Lebenserleben gelingen.

Auch bei gelingenden Paarbeziehungen kann man erkennen: Resonanz - im Kleide intensiv gelebter Zeit, der wechselseitigen Hinwendung zueinander - sie sprechend oder im gemeinsames Tun geschehen lassen - kann Balsam sein. Rosa spricht hier von - freilich ganz und gar unromantisch klingenden - "Resonanzachsen". Diese zu beleben oder gar ganz neue zu finden, um auf diese Art den Boden der Gemeinsamkeit immer wieder entstehen zu lassen, kann ein wesentlicher und interessanter Aspekt des Zusammenlebens sein.

Wer bin ich, wer bist du? Aber auch: Wer oder was sind wir - jetzt? 

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