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Atmosphärisches Wochenbuch

Regenlauf

Raimund Schöll am 09.06.2011

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Nachmittags, bei leichten Niesel, Joggen durch ein norddeutsches Waldstück am See. Anfangs ein wenig staksig ob des vielen Sitzens die Stunden zuvor, arbeitet sich sein Körper rhythmisch atmend in die Naturblase hinein. Hier und da ein paar dampfende Nebelschwaden, die an ferne Regenwälder erinnern. Ein einsamer Schwan zieht stoisch am Seerand seine Kreise.

Außer ihm ist kein Mensch unterwegs. Recht so! Dann plötzlich Wolkenverfinsterung. Es wird dunkel und die kleinen Nieseltröpfchen mutieren zu dicken Wasserkugeln. Wie Maschinengewehrsalven plättern sie vom Himmel herunter und auf ihn ein. Das Nass beschwert, sein T-Shirt klebt schwammig an ihm dran. Er belauscht, wie sein Atem leise fließt und gleichzeitig das Himmelwasser auf Baum- und Buschgrün kübelt.

Gleichwohl wird sein Lauf leichter. Wie früher schon, bei den stundenlangen Marathontrainings - vorzugsweise im Regen - verschmilzt sein Körper mit der Landschaft und die kurz zuvor noch im Kopf verankerten Gewissheiten geraten in Bewegung, beginnen sich zu verflüssigen. Ist Jutta wirklich sauer auf Herbert? Hat Umberto Maturana außer an Systeme auch an Atmosphären gedacht? Könnte Ehec nicht bald auch ein Kürzel für eine neue Psychodroge sein? Wunderbar diese Frischung durch Nässe. Jetzt ist er in den Farnen, Tannen, Birken und auf matschigen Feldwegen zu Hause, ein Teil der auftrumpfenden Biosphäre. Sollte nicht jeden Tag ein Regenlauf sein?

Kommentare

09.06.2011

Matthias Ohler

Das lesen, da ist man schon mitgelaufen, fußig und denkig - erfrischend.

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