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Atmosphärisches Wochenbuch

Pferde unter Bäumen

Matthias Ohler am 01.08.2009

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Wenn ich aus dem Küchenfenster schaue, auf den Wiesenhang zum Sändel, stehen die Pferde unter den Obstbäumen – im Frühling unterm dichten Baldachin der Blüten, im Winter unter schwarzem Gestänge, schwarz-weißem zuweilen. Es sieht wie Freundschaft aus. Die Pferde stützen die Bäume, die Bäume schützen die Pferde. Bekleiden sie mit ihren Blüten, im Frühling.
Auch bei geschlossnem Fenster höre ich die Pferde. Das entlastende, entspannende Zurückstellen eines Hufs auf seine vordere Kante, den einen Schritt nach vorn zum nächsten Büschel leckren Grases, das Wegschütteln des Schnees von der Mähne, das Flackern der Flanken im Regen, ein Schnauben vielleicht.
Jetzt steht die Zeit wie ein Pferd unterm Baum. Bewegt sich nur mit den Pferden wie in sich selber.
Im späten Herbst sind Pferde und Bäume durch den Nebeldunst nur zu ahnen. Ich weiß, dass sie da sind. Der Nebeldunst kam ja aus den Nüstern der Pferde. Ich höre sie. Der Klang ist anheimelnd kühl.
Im Winter trag ich dickes Fell mit den Pferden und wünsche es den Bäumen. Der Klang ist sanft gestaut und warm, wie ein Schmiegen.
Im Frühling duftets mehr und schwer wie Krüge voller Bier.
Der Sommer juchzt und wiehert, und er schwimmt wie Öl.
Ich bleibe wie für immer sitzen, schaue, horche, rieche. Stelle langsam einen Fuß auf die Zehenspitzen, lasse die Schultern wippen, schüttle das Haar, atme durch die Nüstern schnaubend aus.

Der Schnee duftet wie Blüten, die Blüten gleißen wie Schnee, die Blätter brennen im Sommer schon. Frieren wird kein Pferd unterm Baum.

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