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Atmosphärisches Wochenbuch

Neidlos offline?

Raimund Schöll am 22.01.2013

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Man stelle sich vor, jemand sitzt bei sich zu Hause mit errötetem Gesicht vor dem Computerbildschirm. Überall lachen ihm die Gesichter freundlicher, unternehmungslustiger Menschen entgegen, die heiraten, Kinder kriegen, tolle Jobs haben, irre Partys feiern, Bandauftritte zelebrieren, Bücher schreiben, an spannenden Events  teilnehmen, beruflich in aller Herren Länder unterwegs sind etcpp..

Genau dies scheint Teil des täglichen Erlebens von Facebook-Nutzern zu sein. Dass Facebook das Potenzial hat, allerlei Gefühle anzuregen, hat man ja geahnt. Nun will man es aber schwarz auf weiß heraus gefunden haben: Facebook macht vor allem neidisch auf das vermeintlich schöne und schönere Leben von anderen (aktuelle Studie der Humboldt Universität zu Berlin gemeinsam mit der Darmstädter TU, in TAZ, 22. Januar 2013).

Atmosphärologisch gesprochen könnte man sagen: Das Leben der anderen ist für viele inzwischen zum zuverlässig stimmungsbildenden Aktanten geworden. Via Facebook setzt sich die Atmosphäre marktwirtschaftlichen Erfolgsststrebens, die wir abends oft schon überdosiert mit nach Hause nehmen, bis in die letzten Winkel unserer Wohnstuben hinein fort, und zwar über einen simplen Bildschirm mit Tastatur. Oder um im Geiste des Geldforschers Aldo Häsler zu sprechen: Das Private und Menschliche, jedermanns Story sozusagen, wird heutzutage via social network doppelt und dreifach aufbereitet und verwertet. Das gern benutzte Modewort dafür ist Benchmarking.

Sollten wir uns da wundern, oder gar darüber empören? Ich finde, dazu gibt es keinen wirkich triftigen Grund. Denn die Neidgefühle, die uns via Facebook anmuten sind hausgemacht. Von uns allen. Man könnte ja hin und wieder auch abschalten. Bei sich und auch bei Facebook. Einfach neidlos offline sein.

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