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Atmosphärisches Wochenbuch

Marschieren und Funktionieren - eine atmosphärische OE-Miniatur

Raimund Schöll am 01.03.2011

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Es kann einem zur zweiten Natur geraten als Berater zusätzlich zu den vielen Gesprächen, die rund um Organisationsentwicklungsmaßnahmen geführt werden müssen, auch atmosphärische Eindrücke vor Ort zu sammeln. Die atmosphärische Perspektive erleichtert, ergänzt die Eindrucks- und Hypothesenbildung zu einem Auftrag um ein Vielfaches. Im Folgenden eine kurze atmosphärische Miniatur zu einer Planungsabteilung eines großen Unternehmens der Automobilbranche, die ich neulich für zwei Tage mit einem Kollegen aufgesucht habe.

Beim Betreten des Großraumbüros fällt auf, dass die Farbe grau überwiegt. Die Böden dunkelgrau, die Trennwände mittelgrau, die Arbeitstische hellgrau, in mehr oder weniger gleichen Abständen voneinander getrennt, teilweise  inselförmig zusammen stehend. Die Mitarbeiter sitzen in unterschiedlichen Tischhöhen an ihren PC`s. Kleinere Kollegentrauben finden sich hier und da an diversen Ecken des Raumes mit einem Kaffebecher in der Hand zusammen, um sich aus zu tauschen. Dennoch mutet alles ruhig bzw. gedämpft an. Lautes Reden oder Lachen hört man nicht. Augenfällig auch, wie beinahe an jedem Arbeitsplatz persönliche Aktanten beitragswirsam sind. Hier ein Babyportrait, dort ein Hochzeitsbild, da ein Frauenfoto, ein kleiner Handschmeichler oder eine bunt bemalte Kaffeetasse. Dennoch fügen sich all diese privaten oder halbprivaten Gegenstände geschmeidig in den Hauptaktant Grau ein. Nicht einmal die wenigen Pflanzen, die es gibt, stechen besonders hervor. Ekstatisch hervortretende Bilder, Statuen oder andere Artefakte, wie sie in Vorstandszimmern oder Anwaltskanzleien vor kommen, sind nirgendwo zu erblicken. Soll wohl auch so sein, denke ich. Gewöhnungsbedürftig ist, dass, wenn wir dem einen oder anderen Mitarbeiter auf dem Laufgang des Büros begegnen, man wenig Notiz von uns zu nehmen scheint, obwohl klar ist dass wir „Neue“ sind. Doch dann bemerke ich, wie die Kollegen auch untereinander, ohne sich groß zu beachten, grußlos aneinander vorbei laufen. Einen seltsamen Kontrast zur Ausdruckslosigkeit in den Gesichtern, bilden die energisch bis dynamisch anmutenden Körperchoreographien. Selbst die wenigen Frauen, die es hier gibt, scheinen eher zu marschieren als zu gehen. Interessant ist, wie ich mich nach einiger Zeit dabei ertappe, diese Hexis zu übernehmen, ich auf die gleiche Art durch die Gänge wandle ohne nach links und rechts zu schauen. Einleibung der Atmosphäre? Akklimatisierung? Habitualisierung? Egal, es ist hier in dieser Blase ein wenig wie damals bei der Bundeswehr, finde ich: Funktionieren Funktionieren, drückt sich aus durch Marschieren! Ein interessanter Beratungsauftrag!

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