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Atmosphärisches Wochenbuch

Marmorphantasien

Raimund Schöll am 15.01.2013

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Der Berberteppich unter mir feuerte Pfefferkörner, während der Elefant draußen lautstark sein Elfenbein am Schilf schabte. Ich kroch über bunte Dreiecksmuster und Mandalas, schnupperte an jeder Faser, bis ich meine Nase auf ihrem Fuß spürte. Mein Atem vermischte sich mit der Wärme ihres Fußrückens. Ich konnte über mir das Schweben ihres Nachthemdes spüren und ich sah die kleinen durchscheinenden Äderchen auf ihrer Fußhaut. Schließlich griff etwas zärtlich nach meinem Schopf. Kurz hielt ich alles für einen Traum, aber ich war sicher, dass es keiner war. Also benahm mich weiterhin unauffällig, versuchte mich nicht aufzuwecken, denn das wäre sinnlos gewesen. So ließ ich meine Nase weiter auf ihrem Fuß verharren, spürte meinen Atem und das wärmende Kekraule in meinem Haar. Himmelsdüfte verströmten sich. 

Nachdem ich nüchtern geworden war und sich morgendliche Helligkeit in meinem Zimmer ausbreitete, bemerkte ich es dann. Bei dem Fuß handelte es sich nicht um den einer elfenen Frau, sondern um den marmornen Standteller der Hotellampe. Mein Etablissement befand sich unweit des Hauptbahnhofs, und das Licht über mir war an.

(O.G.)

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