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Atmosphärisches Wochenbuch

Leiden an der Seele - Therapie, Coaching oder was?

Raimund Schöll am 22.07.2012

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Im Leitartikel der ZEIT-Ausgabe NR.28 vom 5. Juli stand zu lesen, viele Menschen würden inzwischen lieber zum Coach als zum Psychotherapeuten gehen. Und zwar weil dem Gang in die Psychotherapie immer noch ein eher schlechter Ruf vorauseile. Coaching gelte hingegen als cool und salonfähig. Der Schluss der, auf der Titelseite gezogen wird, lautet: Nur wenige in Deutschland bekennen sich zu ihrer kranken Seele. Auf den anschließenden Seiten werden sodann die gängigen Psychotherapien aufgelistet und deren Verfahrensweisen beschrieben. Es sind die alten Bekannten: Verhaltenstherapie, Gesprächspsychotherapie und die analytische Psychotherapie sowie tiefenpsychologisch fundierte Verfahren. Wichtig wäre, sich im Bedarfsfall rechtzeitig in eine Therapie zu begeben. Frühe Hilfe helfe dazu, Geld zu sparen. Dem Arbeitgeber, den Kassen etc. .

Soweit kein Problem. Ich finde auch, genau so wie im Artikel beschrieben: Im Bedarfsfall sollten wir uns therapeutisch helfen lassen. Auch wenn es da ja noch durchaus andere, im ZEIT-Artikel leider nicht aufgelistete, wirksame Therapien wie z.B. die systemische Therapie gäbe. Fundiert durchgeführte Psychotherapie ist unbestritten wichtig und notwendig. Sowohl als Verfahren als auch als Angebot stellt sie eine beutsame Säule der bundesdeutschen Gesundheitsversorgung dar. Und leider – auch das ist wahr - gilt es noch in vielen gesellschaftlichen Milieus immer noch als Makel, sich in einer solchen zu unterziehen.

Befremdet hat mich allerdings, dass nirgendwo in dem ZEIT-Leitartikel etwas über Coaching geschrieben steht. Vergeblich suchte ich - in dem alles in allem ja sehr interessanten Essay - eine nähere Erläuterung dessen, was Coaching in der Praxis kann oder leistet oder nicht kann oder leistet. Warum, frage ich mich, wird da in der Überschrift lautstark das eine mit dem anderem verglichen, und im darauf folgenden Text fehlt eine hinreichende Erörterung dieses Vergleichs? 

Vielleicht bin ich ja zu pedantisch?! Vielleicht weil ich selbst Coach bin. Und schon gar nicht will ich hier an dieser Stelle den im ZEIT-Artikel fehlenden Legitimitätsbeweis für Coaching als Beratungsform erbringen. Diese Diskussion kann man woanders prominenter nachlesen und verfolgen. Was mich allerdings anweht, ist die mehr oder weniger subtil geführte Behauptung, Coaching sei als Beratungsform für seelisches Leiden untauglich. Tiefgründigere Anliegen wären nur in der Therapie bearbeitbar und hätten im Coaching keinen Platz.

Richtig ist: immer mehr Menschen gehen anstatt in Therapie ins Coaching, um sich von dort aus unterstützen zu lassen. Meines Erachtens gibt es allerdings - neben den vorgeblichen Verdrängungsgründen seelischer Krankheit - ein paar sehr pragmatische Gründe, warum Menschen dies tun. Nicht alle, die ins Coaching gehen, sind höchstwahrscheinlich doof oder krankheitsuneinsichtig. Skizzenhaft seien hier ein paar Motivationen aufgeführt:

1. In fundiert und professionell durchgeführten Coachings werden - entgegengesetzt der weitläufigen Annahme, dort würde es nur um Leistung gehen, -  Leiden und seelische Engpässe, wenn sie auch in der Regel zunächst erst aus beruflicher Perspektive beleuchtet werden – bei Bedarf nicht ausgeschlossen, sondern konstruktiv bearbeitet.

2. Geht es in guten Coachings eben nicht automatisch und ausschließlich um ein Schneller-Höher-Weiter, wie gern gesagt wird, oder um oberflächliche Erfolgs-Ratschläge oder Rathuberei à la Vera Birkenbihl - Gott hab sie selig-, sondern um einen Raum, bzw. um eine Atmosphäre, in der das, was als  Problem beschrieben wird, reflexiv jenseits des operativen Alltagsdrucks, bearbeitet und umfänglich erörtert werden kann.

3. Coaching gibt dem Klienten darüber hinaus einen ausführlichen Zeitrahmen, sein Problem bzw. seine Fragestellung darzustellen und zu erörtern. Die meisten Coachings dauern mindestens anderthalb Stunden. Oft sind es zwei, manchmal sogar drei Zeitstunden, die der Coach mit seinem Klienten verbringt. Aus Sicht vieler Klienten ist das die Stärke von Coaching - eben gerade nicht wegen Zeitdrucks aus der Praxis geschickt zu werden, wenn eigentlich noch Gesprächsbedarf da ist.

4. Coaching hat meistens keine langen Wartezeiten, jedenfalls keine von halben oder ganzen Jahren, wie in Psychotherapiepraxen leider inzwischen mehr oder weniger üblich. (Freilich aus Not, weil der Bedarf so groß ist). Auch gibt keinen Warteraum, in dem man mit anderen zusammen sitzt, um dann endlich „dran zu kommen“. 

5. Kennen die gut ausgebildeten Coaches Methoden und Ansätze, die ursprünglich aus psychotherapeutischen Verfahren kommen, und sie wenden diese auch an. Das wissen inzwischen viele Klienten. Und sie trauen es ihren Coaches wohl daher zu, gemeinsam auch inneres Leiden und nicht nur die Performance im Coaching zu besprechen .

Richtig ist. Im Coaching geht es laut Definition primär um berufliche, führungs- oder organisationspsychologische Fragestellungen. Dass aber auch das Leiden und Erleiden - ob beruflich oder privat - in den Coachingpraxen Einzug hält, ist inzwischen eine Realität. Da hat die ZEIT den Nerv getroffen. Doch, meine ich, muss man deswegen das Kind nicht gleich mit dem Bade ausschütten und Coachingklienten  - wenn auch indirekt - als krankheitsuneinsichtig diffamieren.

Zuletzt aber sei eine Bresche geschlagen: viele seelischen Nöte lassen sich tatsächlich immer noch am besten in einer guten Psychotherapiepraxis oder in einer fachlich ausgerichteten Spezialklinik behandeln (Psychosen, Traumatas, Essstörungen, Borderline-Syndrome etc.). Das ist unstrittig. Aber es müssen halt nicht alle dort hin und vor allem nicht zwansgläufig. Deswegen wäre meines Erachtens klüger, Coaching nicht gegen Therapie oder umgekehrt auszuspielen. Im Gegenteil sollte es doch gelingen, Coaches und Therapeuten - nicht zuletzt auch aufgrund der Versorgungsknappheit - verstärkter noch als bisher kooperieren zu lassen, finde ich. Teilweise ist dies ja auch schon Realität. Ich jedenfalls praktiziere es so, wie viele andere Coaches und Therapeuten, die ich kenne, auch. (Z.B. trifft man sich in Netzwerken, tauscht sich aus oder empfiehlt sich weiter).

Die Bearbeitung seelischen Leids läßt sich halt nicht feinsäuberlich in eindeutige Zuständigkeiten unterteilen. Das ging schon früher nicht gut, als man das Geschäft allein den Pfarrern überließ.  

Kommentare

24.07.2012

deaXmac

Bitte, gern geschehen.
Hab den Link zur Website heute gerade entdeckt und zwar hier.
http://www.carl-auer.de/blog/simon/midnight-movie-massacre/#comments

24.07.2012

Raimund

Deaxmac! Der Kommentar trifft was! Und hör ich mich fast aufatmen: wie wohl noch nicht zertifiziert, sondern nur saugut ausgebildet und von Leben und Klient belehrt zu sein.
Danke!

24.07.2012

deaXmac

Noch viel schlimmer finde ich die mittlerweile das von den Gesundheitskassen in der Wirtschaft hochgepushte Coaching, benannt \\\"betriebliches Gesundheitsmanagement\\\".
Hier sitzt der Wurm in der institutionalsierten sozialen Matrix. Und ich bin der Auffassung in allen Professionen haben sich die Guten von den Schlechten abzugrenzen. Wir sind alle noch viel zu gehorsam.
Hier meine Glosse zum Thema verfaßt für ein berufliches Netzwerk:
Der \\\"Managerismus - Coaching - Marketing\\\"- Algorithmus in Kurzform, so wie ich ihn wahrnehme:
\\\"Das Gesundheitsmanagement\\\":
Also ich erklär Dir jetzt mal die Welt. Und was Kognition, Ratio, Zeit etc.wirklich ist, das bringe ich Dir jetzt mal bei.
Damit das Ganze auch wirklich gesund funktioniert, manage ich Deine Gesundheit auch gleich mal mit.
Dazu bin ich berufen, denn ich bin Experte, kenne mich aus und werde schließlich auch dafür bezahlt.
Wenn Dir das nicht einleuchtet bzw.Du damit nicht unmittelbar klar kommst, dann ist 1) damit schon mal bewiesen, dass Du das falsche Bewußtsein hast.
Dann muß ich 2) Dich jetzt schulen und damit Du auch wieder klar denken kannst, Dich im Zweifel auch so lange zutexten bis Du die Algorithmen wirklich begriffen hast.
Wenn Du es dann immer noch nicht kapiert hast, dass Du 3) unter meinem Gesundheitsmanagement (verflucht nochmal) auch gesund zu funktionieren hast,
bekommst Du einen personal training - Trainingsplan, den gebe ich Dir als Tool eines Office-Plan und den Outlook-Wecker gleich mit. (Den gibt\\\'s gratis dazu, ohne Aufschlag versteht sich)
denn ab hier muß 4) das Fitness-Training \\\"just in time\\\" etwas intensiviert werden.
Dann hast Du mir 5) zunächst täglich, später stündlich, wenn\\\'s sein muß auch minütlich, Meldung zu erstatten, was Du gerade tust und warum und wieso.
Wie Du Dich dabei fühlst, ob Du lachst oder wachst, ob Du müde bist und gähnst, ob Dir die Decke auf den Kopf fällt und Du was brauchst, um weiterzuarbeiten wie bisher, nur ein bißchen schneller.
Denn die Zeit, die Du ab 4) versäumst, hat verdichtet und komprimiert zu werden, damit für Berichte noch Platz ist. Denn selbstverständlich, das ist evaluativ ganz wichtig,
ob Dir zwischendurch so ganz spontan auch etwas Kreatives eingefallen und das auch getan ist.
Wenn Dir dann 6) aber immer noch nichts Produktives von exzellenter Qualität bzw. ganz exklusiv Innovatives einfällt, dann hast Du wahrscheinlich ein Life-Style-Mangel-Syndrom bzw. bist vielleicht auch etwas Out of work-life-balance. Vermutlich brauchst Du aber auch nur ein paar Neuroenhancer als Psychoergänzungsmittel.
Wenn\\\'s Du dann aber, so optimiert, immer noch neben der Spur läufst ... Dann muß man sich ernsthaft Sorgen machen, etwas genauer nachschauen und tiefer bohren
Dann stimmt 7) vielleicht irgendetwas mit Deinem Betriebssystem nicht.
Dann tickst Du nicht richtig, hast einen Sprung in der Schüssel oder bist einfach nur ein bißchen durcheinander oder irre.
Aber keine Sorge, das kriegen wir 8) dann auch in den Griff. Alles Prävention, alles Früherkennung, alles vernetzt und durchdacht.
Ich kenn da nämlich einen Psychiater, der biegt Dich schon gerade und der renkt Dich auch wieder ein.
Dann wären wir damit auch schon fertig. Denn 9) ist wieder 1) und los geht\\\'s von vorne.
So funktioniert nämlich das \\\"Managerismus-Coaching-Marketing\\\"- Hexen-Einmal-Eins....(War nur ein kurzer Spaß am Rande.)
Wir sind schließlich eine seriöse Firma mit langjähriger Erfahrung. Da kann man sich 100%, eher sogar 150% auf uns verlassen.
Alles klar?..... Nein?
Na siehst Du. Dann sind wir doch mitten im Thema.
Punkt 1) ist schon mal abgehakt.
Warum hast Du mich nicht schon früher gefragt? Ich bin ein certifitierter Coach mit wunderbaren Referenzen.Ich mach Dir, weil Du\\\'s bist, auch diesen personal superdeal für 250 € die Stunde. Aber nur heute\\\"

23.07.2012

Matthias Ohler

Na ja, die Coaching-Werber sind ja nicht ganz unschuldig an dieser Wahrnehmung von Coaching. Schlimmer finde ich die unhinterfragte und altbackene Kranke-Seele-Sicht in dem Artikel, der DIE ZEIT hier mal wieder als echtes bürgerliches Blatt zeigt (was glücklicherweise nicht immer der Fall ist). Die ganz individualisierte und medizinierte Sicht, die hier angeboten wird, wird auch durch einen Vergleich mit (eben individualisiertem) Coaching nicht touchiert.

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