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Atmosphärisches Wochenbuch

L'Angst und der Papstbesuch

Raimund Schöll am 21.09.2011

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Der Papst kommt nach Deutschland und einige scheinen sich so vor ihm zu fürchten, dass sie ihm sogar während seiner Rede im Bundestag fern bleiben wollen. Dabei hat der Papst gar nicht unbedingt danach gedrängt, im Bundestag zu sprechen. Er kommt auf Einladung des Bundestagspräsidenten dorthin. Papstboykott. Auch anderswo im Lande löst der Papstbesuch eilfertige Reaktionen aus, rüsten sich seit Tagen schon die Gegner des Katholischen kostümtechnisch und mit Trillerpfeifen zum Protest.

Warum nur haben so viele etwas dagegen, dass der Chef der katholischen Kirche zu uns kommt? Na ja, all die Skandale und so und überhaupt, die Kreuzzüge und der Zölibat und dann das mit dem rückwärts gewandten Frauenbild. Die klassischen Argumente, man kennt sie. In den Talk-Shows der letzten Wochen waren sie wieder allseits durchgehechelt und beklatscht worden.

Doch mir scheint, der Antihaltung gegen den Papst könnte auch ein weiterer, wenig diskutierter Aspekt zu Grunde liegen. Der nämlich, dass die katholische Kirche immer schon begabt war in barocker Selbstinszenierung. Atmosphärologisch hält Kirche, besonders die katholische, ein interessantes Kontrastangebot zum nüchternen Programm der Postmoderne vor. Statt formale Glashausfunktionalität, eine radikal nach außen gehende Zelebrierung immaterieller Vorstellungen und Güter: Heiliger Geist, Engel, Weihrauch und Orgelkonzert. Man mag dazu stehen wie man will. Unberührt lassen uns diese Aktanten offensichtlich nicht.

Die Franzosen haben früher hin und wieder von L’Angst der Deutschen gesprochen. Damit war eine Art hysterisches Hineinsteigern in vielleicht berechtigte Besorgnisse gemeint. In der Tat, die katholische Kirche, mit ihren Dogmen kann einem Sorgen, vielleicht auch Angst bereiten. Sie bereitet aber vor allem denen Sorge und Angst, die noch an ihr fest halten wollen. Die, die mit dem Glauben nichts am Hut haben, die sich in ihren Alltagssphären durch katholische Sphären nicht stören lassen, welche Gründe gibt es für die eigentlich, sich zu entrüsten, zu sorgen oder L'Angst in Berlin Kreuzberg zu haben?

Vielleicht ja, weil Heiliger Geist, Engel, Weihrauch und Orgelkonzert insgeheim doch irgendwie geil sind, der Mensch von Brot allein nicht satt wird. In diesen Tagen sind wir vielleicht alle wieder ein bißchen Papst, ohne es zu merken. Oder Dalai Lama, oder Konfzuzius oder ...

Kommentare

21.09.2011

Matthias Ohler

Genau so war die BILD zu verstehen, als sie dereinst nach Josephs Wahl schrieb: WIR SIND PAPST, und wegließ: geil, toll, aber auch: ach du Scheiße!

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