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Atmosphärisches Wochenbuch

Laberduos

Matthias Ohler am 28.04.2013

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"... in jener Zeit, da das Ohr und die Seele noch nicht von den unablässig schwatzenden Wellen des Radios überströmt waren ..."

Dies ist eine jener Formulierungen, die einen anblinken wie ein kleiner, zufällig entdeckter Diamant. Er stammt aus Stefan Zweigs Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, erschienen 1942, im gleichen Jahr, in dem Zweig im brasilianischen Petrópolis sein Leben beendete (39. Aufl. 2012, S. 275f.)

Von diesem Erleben der schwatzenden Radios - berichtet, aus heutiger Sicht, aus der Welt von vorvorgestern, mitten aus dem Wahnsinn einer Welt im kriegerischen Gesamthandwerk - ist doch nur ein kleiner Schritt zur heutigen, in der lediglich die dauernden bewegten Bilder das dauernde Schwatzen einfallslos illustrieren; eine allenfalls quantitative Veränderung. Man irrt sich wahrscheinlich, wenn man meint, RDPrecht, Sarah Wagenknecht, Ursula von der Leyen, Oskar Lafontaine, noch für ein halbes Jahr Peer Steinbrück und die andern Dauerschwätzer seien dabei die Dominas. Es sind eher die vollkommen unmerklich austauschbaren Laberduos der morgendlichen, das Bild nicht benötigenden Einschwörwellen Regenbogen, SWR3, Antenne Brandenburg und so bundes- und weltweiter, die die täglich abzunickende Gewissheitsdröhnung liefern, immer vergnügt, stets willig betroffen, wo´s fraglos gefordert ist, und doch sofort und ohne überlegendes Zögern zum hit-überleitenen geschmacklosen Witz bereit. Für die Bilder sorgen die Hörerinnen und Hörer in ihren Köpfen und Seelen, bestens vorbereitet natürlich durch vorabendlichen Bildkonsum. Meine frühere Partnerin begründete den Konsum dieser Morgenorgien damit, den Lärm eines tatsächlichen, nervenden Tinnitus überschwätzen lassen zu müssen. Das leuchtete mir ein. Gegen die Piepmatzen hat selbst der Immerpiepton keine Chance mehr. (Und im Hintergrund läuft das kriegerische Gesamthandwerk munter weiter).

Zweigs Trauer um die schwindende Macht des öffentlich gesprochenen, weil gedruckten, dichterischen oder philosophischen Wortes kann ich mich allerdings nicht anschließen. Es lärmt nur Grässlich oder Prechtig mit. Eher möchte man sagen: Mal ganz still, bitte, nur einen Augenblick. - - Danke.

Kommentare

30.04.2013

Hans Baitinger

Hallo Matthias,

ich bin ja schon ganz still und lebe, so gut es eben geht.

Liebe Grüße
Hans

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