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Atmosphärisches Wochenbuch

Kontingenz

Matthias Ohler am 24.09.2011

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Der konsequenteste mir bekannte Kontingenzler war der amerikanische Kulturwissenschaftler Richard Rorty, der vor einigen Jahren leider verstarb. Er erfand in einem seiner wunderbaren Bücher mit dem - leider für manche eher abschreckenden, aber grundehrlichen - Titel Kontingenz, Ironie und Solidarität eine Figur, die er, in Anlehnung an die Politologin Judith Shklar, Liberale Ironikerin nannte. Dem derzeit die Medien beschäftigenden Besuch des römischen Bischofs in Deutschland, dem Lande Martin Luthers und des Buchdrucks, könnte diese Figur hilfreich sein, ein wenig erfolgreicher zu werden. Besonders mit Blick auf diejenigen, die dieser Besuch erwartungsgemäß enttäuschen wird. Die liberale Ironikerin beschäftigt sich unter anderem intensiv mit allem, was die Anerkennung der Kontingenz ihrer Überzeugungen als etwas anderes ausweisen könnten als das, was sie sind: kontingent. Kontingenz und Überzeugung scheinen sich schlecht zu vertragen. Die liberale Ironikerin sieht das anders.

Was wird von Bene erwartet? Man könnte es mit einem vielleicht etwas übersalzenen Maß an Ironie damit vergleichen, als erwarte man, in Mein Kampf die Grundlagen des Antifaschismus zu finden. Man geriert sich antipäpstlich in der Erwartung, daß der Papst ein Einsehen hat und weiht, was man selber noch nicht zur Weihe gebracht hat, um dann ganz befriedigt darauf hinzuweisen, dass ja schließlich endlich der Papst und so weiter; nicht ohne darauf hinzuweisen, dass man selber dazu beigetragen habe, dass ... – bis vielleicht etwas Anderes angesagt ist, von woher auch immer, und man dem Papstsegen wieder kritischer gegenüber steht, um dann dem Papst zu sagen, ... ....

Bei einem Besuch anlässlich einer Konzertreise nach Polen Ostern 1988 in der Kirche, in der Jerzy Popieluszko gepredigt hatte - die Galionsfigur der kirchlichen Solidarität mit Solidarnosc – konnte man eine Dokumentation der Dekoration der Kirche zur Weihnachtszeit sehen. Die Krippe bildete ein abgesägter Kofferraum. (Popieluszkos Leiche war in einem Kofferraum gefunden worden.) Unter der Kuppel hing ein sehr großer Dornenring, in den hinein eine polnische Flagge gewunden war. Eindrucksvolle Aktanten. – Bei der Führung durch die Kirchenräume und über den Vorplatz standen wir schließlich auch vor einem großen liegenden Steinkreuz, das zum Gedenken an Popieluszko geschaffen worden war. Der uns führende Priester sagte: „Seit Johannes Paul der Zweite vor diesem Kreuz kniete und es segnete, wissen wir, dass Jerzy richtig gehandelt hat.“ Ich war damals ziemlich vor den Kopf gestoßen. Heute denke ich: wer´s braucht ...

Manchen Instituten, die sich vor 10 Jahren nach Bert Hellinger benannt hatten, konnte es auch gar nicht schnell genug gehen, bis sie den Namen wieder los waren, als sie mit den weiteren Entwicklungen des Namensgebers konfrontiert wurden. Für seine Entwicklungen konnte der Namensgeber schon was, für die Etikettenprobleme der Institute eher weniger, für den Wunsch nach Etikette gar nichts.

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