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Atmosphärisches Wochenbuch

In Weimar gewesen – plötzlich laufen Wörter an dir vorbei

Raimund Schöll am 25.12.2011

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An einem trüben Dezembertag, spätnachmittags in Weimar neulich. Ich schlendere absichtslos die unweit des Goethe-Parks gelegene Schlossgasse entlang, biege ab und sehe mich plötzlich einer Buchstaben leuchtenden Banderole gegenüber. Aus der Not geschriebene Wörter sind’s, die dort am Burgplatz wie Zugwagons, etwa 15 Meter entfernt, an der Hauswand eines alten Renaissance-Bürgerhauses vorüber ziehen. Fast ein jedes eine Offerte, ein Klang, ein Pinselstrich. Vermutlich ein Brief aus längst vergangenen Zeiten, vielleicht im Krieg entstanden, verfasst von wem auch immer. Da stehst du auf einer sich langsam eindunkelnden Straße und blickst, eben noch ganz mit dir und deinen Privatgedanken verfasert, nun verflechtet mit dem leuchtenden Getexte, durch Baumgeäst hindurch, gebannt auf diese Banderole, deren Inhalt von Not, Hoffnung, Liebe und Wiedersehen handelt, und es eröffnet sich dir eine Welt. Eine andere als die deine, doch verflixt lebendig und hautnah wirkt alles. Und so ganz ander’s, als wenn du ein Buch zur Hand nähmest, ist’s, wenn so ein laufender Text zum Passant mutiert und dich und deine Sphäre im öffentlichen Raum mitbestimmt. Ich hätte noch lange genau so verweilen wollen, vor diesen eilig wandernden Wörtern, über dem ACC Café-Restaurant in Weimar. Doch besteht die Welt aus Augenblicken, und deren Atmosphären halten nicht ewig.

(O.G.)

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