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Atmosphärisches Wochenbuch

Trommelfeuer

Raimund Schöll am 25.06.2016

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Der Willi wuchs ohne väterliche Führung auf. In Warschau kniete er dann. Ich sitze auf altem Holzstuhl unter der „Kleinen Geschichte Griechenlands“ - um mich herum endlich die lang ersehnte Unordnung. 
 
Eine junge Frau in rotem Strandkleid trug heute zärtlich ihr Kind am Bauch die Meeresbrandung entlang. Und irgendein dummer Esel, wahrscheinlich ein Schweizer, hätte mich dort beinahe umgelaufen.
 
Vor mir breitet sich das stolze Ida Gebirge aus. Rethymnon lag gestern im Trommelfeuer des Dauerregens. Dort las ich in einer Taverne über den deutschen General, den die Widerständigen zu deutschen Besatzungszeit auf Kreta entführt haben. Wahrscheinlich ist er froh darum gewesen, der alte Nazifeigling. 
 
Ich bin jetzt über 71 und zähle nun zu jenen, die mir früher Angst eingejagt haben: Pensionist, graumeliert, Rotweintrinker. Ein gealterter Lyriker und Alltagsflüchtling. 
 
Franz Kafka und Max Brod haben früher mal gemeinsam Paris und andere Städte bereist und tagsüber aufgeschrieben, was ihnen unter die Augen fiel. Und abends dann haben sie sich gegenseitig aus ihren Kladden vorgelesen. Ich habe diesmal allein mit der Gesellschaft von Olivenbäumen vorlieb zu nehmen und mit einsamen Tischen im Schatten enger Altstadtgassen. Else ist - erstmals nach 40 Ehejahren - zu Hause geblieben. 

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