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Atmosphärisches Wochenbuch

Hinterhof 1968

Raimund Schöll am 12.12.2014

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Als wir noch am Stadtrand im Nordwesten wohnten, spielte ich mit meinen Gefährten und Gefährtinnen nachmittags regelmäßig im Hinterhof. Es war ein richtiger Hinterhof, so wie ein Hinterhof sein sollte. Aus den Wohnungen roch es nach Gekochtem, vor allem um die Mittagszeit, es gab viele Garagen, gegen deren Türen man den Ball dreschen konnte, eine frisch geteerte Hofstraße, die in einem 90°-Winkel ums Eck ging und eine Wiese. In unserem Hinterhof konnte man Radkunststücke ausprobieren, Fußball spielen, auf einen Baum - ich glaube es war eine Linde - klettern oder einfach nur irgendwo herumliegen oder herumspringen. Was immer man mochte, konnte man in unserem Hinterhof tun - in der Regel ohne Aufsicht.

Auch einen Sandkasten gab es, von dem aus man direkt in die Hinterräume einer Apotheke - die ernsthafte und geheimnisvolle Welt der Erwachsenen - sehen konnte. In meiner Erinnerung ist der Hinterhof sehr geräumig und meistens hell gewesen. Und wir waren immer viele. Meistens hielten wir uns solange in unserem Hinterhof auf, bis die Dunkelheit anbrach und wir hoch in unsere Wohnungen mussten. Und hin und wieder lag da im Sommer auch ein großer Heuhaufen auf der Wiese, den der kurzhosige Hausmeister, wenn er den Rasen gemäht hatte, sorgsam aufgetürmt hatte. Naturgemäß nutzten wir meistens die Gelegenheit und sprangen mit viel Geschrei und Gejohle in den Heuhaufen hinein - oft bis zur Erschöpfung. Wir hielten eine Art Wettbewerb ab, wer sich am spektakulärsten in den Heuhaufen hineinfallen lassen konnte. Insgeheim hatte es für mich immer eine gewisse Erotik gehabt, in diesen Heuhaufen zu springen, also Anlauf zu nehmen, zu springen, weich zu landen und dann den Geruch des Heus in die Nase zu kriegen. Es war wie -, nein es war eine Berauschung. Eines Nachmittags war es wieder so weit. Es lag wieder ein Heuhaufen da. Besonders groß und hoch war er diesmal. Aber was keiner sah. Es steckte eine alte rostige Mistgabel darin, die der kurzhosige Hausmeister offenbar dort stecken gelassen hatte. Und als ich wieder mit großem Anlauf sprang, sprang ich mit meinem rechten Knie mitten in die Mistgabel hinein. Es war ein tumber Schmerz, den ich spürte, und ich wurde unter besorgten Blicken in der besagten Apotheke vorne, die neben der Linde lag, und in die ich kurz zuvor noch von hinten rein gesehen hatte von nüchtern agierenden Aptothekenangestellten verarztet. Der Sprung im Hinterhof war meine erste unfreiwillige Heldentat. Die Narbe am Knie trage ich noch heute.

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