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Atmosphärisches Wochenbuch

Handlanger dummer Dienstleistungen

Raimund Schöll am 21.03.2011

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Zum erstem Mal gesehen habe ich ihn frühmorgens an einem Spätsommertag. Ich hatte mich vorübergehend im Hochhaus eines alten Bekannten in A-Stadt einquartiert. Jonathan Sicht stand am Fenster im Haus gegenüber und betrachtete sich und seine Nasenhaare in einem Taschenspiegel. Erkennen konnte ich dies, weil es hin und wieder zu mir herüber blinkte. Am Firmament gingen Dinge spazieren. Flugzeuge, die lange gerade Rauchfahnen hinter sich her zogen. Beide waren wir stumme Zeugen, wie die Menschen unten auf den Bürgersteigen mit ihren Aktentaschen, Rucksäcken und Handtaschen in den Moloch der Werktätigkeit zockelten. Jonathan Sicht steckte sich seine allmorgendliche Pfeife an, lehnte sich ans Fensterbrett und beobachtete im Feinrippunterhemd, auf dem hinten einer gelber Fleck hervorstach, Tauben, wie sie in den nebligen Himmel flogen, Spatzen, die sich gegenseitig jagten und Hasen, die auf den braunen Vorstadtfeldern ihre Haken schlugen. Dahinter stach der warme Dampf des Kernkraftwerks in die blaugraue Morgenluft hinein. Hin und wieder kratzte sich Jonathan Sicht am Kopf. Schließlich ging er wie alle anderen zur Arbeit.

Wir hatten unsere Begegnungen meistens unten im Hausgang oder an der Bushaltestelle. Manchmal aber auch im Supermarkt beim Einkaufen. „Lieber Herr, die meisten Menschen haben keine Leidenschaften mehr“, sagte er zu mir, als wir uns dort zufällig erstmals über den Weg liefen, „sie funktionieren wie die Roboter, ich aber nicht“, sagte er. Täglich bade er in warmen Eismeeren, verwandele sich in einem Land, das er nicht näher benennen konnte, von Feuer in Wasser, von Wasser in Luft und von Luft in Erde. Er grabe sich durch die Erdtunnel und halte hin und wieder Zwiesprache mit den Maulwürfen. Immer wieder in allen Varianten sprach er wie selbstverständlich von dieser eigenartigen Welt der Mulden und Erdlöcher. Ihn während der Arbeit anzusprechen bedeute, einem niemand zu begegnen, einem Vexierbild, sagte er ein anderes Mal, als ich ihn traf. Auch wenn er die ihm aufgetragenen Alpträume verrichte, gebe es ihn eigentlich gar nicht. Jedenfalls nicht so wie sich die anderen ihn vorstellten, sagte er.

Unsere letzte Begegnung fand im Frühjahr, genau genommen am 20. März, statt. Seine Stimme klang an diesem Tag vertraulicher, beinahe konspirativ, fällt mir ein. Aus diversen Gründen schien es ihn zu drängen, seine Gedanken, die sich wie Muschelkalk in ihm abgelagert haben müssen, los zu werden. Was er mir mitteile, sei sein Vermächtnis, sagte er. Ich solle es aber nicht aufschreiben, weil es ohnehin keinen interessiere.

Unten am Empfang seiner Firma, die er schon seit 30 Jahren jeden Tag um die gleiche Uhrzeit betrete, begrüße ihn, immer wenn er zur Drehtür herein komme, eine elegante Dame namens Rosetta Schaffner. Sie arbeite dort schon so lange wie er. Sie sei die einzige, die er noch ertragen könne in diesem Betrieb, sagte er. Er grüße sie immer höflich zurück und mache sich ab dem Moment seine Gedanken, weil er sich in seinem Leben immer schon Gedanken gemacht habe. Wie ein marokkanischer Teppichknüpfer aus seiner Wolle, webe er sich aus der Masse seines Gehirns täglich einen nützlichen Tagtraum heraus, sagte er. „Wissen Sie, mein Lieber, in dieser Firma und in diesem Leben braucht man doch ein Überlebensprogramm!“ Und er sah mich, als er das sagte, durchdringend an. So als wollte er prüfen, ob ich seinen Ausführungen noch folgte. Dann fuhr er fort. Dummköpfe seien es, die ihn in der Arbeit jeden Tag sprechen wollten. Versicherungsnehmer, die mit ihren Käfigen auf andere Käfige aufgefahren seien und von ihm dann das Schlaraffenland der Entschädigungen erwarteten, weil sie es nicht aushielten mit ihren kaputten Autos. Es bebe stets in seinem Herzen, weil er Autofahrer hasse. Nichts hasse er mehr wie Autofahrer, aber könne sich beherrschen. Denn schließlich gehe ja die Versicherten sein Innenleben nichts an. Seinem Chef gegenüber, Herrn Dr. Grattlinger, würde er sich stets loyal verhalten, obwohl dieser Grattlinger eine Person sei, über die man besser nicht reden sollte, sagte er. Die Natur der Menschen könne man ja ohnehin nicht ändern, und er formte mit seiner Hand eine eindeutige Geste.

Als wir uns nach kurzer Fahrzeit wieder voneinander verabschiedeten, drückte Sicht mir fest wie nie die Hand und zog höflich seinen Hut. Die Bewandtnis seiner Kindheit habe es auf sich gehabt, nur ein Handlanger dummer Dienstleistungen geworden zu sein. Es ärgere ihn nicht, aber vielleicht hätte ihn sein Vater besser raten sollen, Kanalarbeiter zu werden, doch Kanalarbeiter kommen ja auch nur in breiten Stahlröhren in die Erde hinein. Dann nach ein paar ewigen Sekunden fuhr er fort und sagte schließlich Elvira. Einfach nur Elvira. Sehr zärtlich sagte er dieses Wort, hauchte es beinahe. Das war das letzte, was ich von ihm gehört habe. Das Wort klang noch längere Zeit nach dieser Begegnung in meinem Ohr. Und ein paar Tränen tröpfelten über sein blasses Gesicht, bevor er rechts in eine graue Straße hinein verschwand.

Nun sitze ich hier. Gerade hat das Telefon geklingelt. Mein Bekannter aus A-Stadt war am anderen Ende gewesen. Er hatte eine belegte Stimme und eine traurige Nachricht für mich: Jonathan Sicht habe sich im Heizungsraum seiner Firma erhängt, teilte er mir mit. Auf einem Zettel, den Sicht auf seinem Bürotisch hinterlegt hatte, stand geschrieben: mein Leben war keine Heldentat, dennoch war ich glücklich.

Solange es Elvira gab.

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