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Atmosphärisches Wochenbuch

Glas

Matthias Ohler am 29.11.2011

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Gestern brachte ich meinen alten G3-Apple-Rechner, den ich noch für ein paar Anwendungen brauche, zu einer OP nach Speyer - dort sitzt mit Wolfgang Metzger ein guter Arzt für sowas. Ich nutzte die Gelegenheit und besuchte meine alte Schule, wo ich vor über 32 Jahren seltsamerweise das Abitur bestand (Gymnasim am Kaiserdom, ehemals Altsprachliches). Sofort war ich wieder "drin". Es war nach 13 Uhr, es hallten im 3. OG Gesänge und Klavierklänge aus den Musikräumen (es gibt jetzt zwei davon, das hat mich angenehm überrascht), offenbar von besonders Engagierten, die nach Unterrichtsschluß in Projekten arbeiten. Ich war seinerzeit, in den Worten meiner Mutter, "nachmittags ja mehr in der Schule als vormittags". Theatergruppe (Mackie Messer zB), Chor (noch als Sopran Bach-Motetten, später als Tenor das Weihnachtsoratorium desselben, jedes Jahr Weihnachtskonzerte in verschiedenen Pfälzer Kirchen), 2 Orchester (Violine und Schlagwerk), Volleyball. Beim Gang durch die Gänge lugten auch alte Ängste ins Gefühl, ich konnte sie aber eigenartigerweise lächelnd integrieren. War ja grade der Ego-State-Kongress in Heidelberg, vielleicht wirkte der nach. Schulatmosphären scheinen ganz mächtig nachzuwirken - zumal, wenn man die gesamte Gymnasialzeit in einem Gebäude durchwirkt hat.

Dann blieb ich vor einem der Fenster im Treppenhaus stehen. Unser Kunst-Kurs der 12. Klassenstufe hatte Glasmosaike gestaltet, die wurden dort scheibenweise eingepasst. Mein Werk war dabei und ist es immer noch. Keine Ahnung, wem von denen, die heute die Tage in dem Gebäude bevölkern, der Blick darauf irgendetwas sagt. Mir sagt es sehr viel. Allerdings in keiner Sprache. Atmosphärisch. Was durchaus dann in Sprache gesagt werden kann. Vielleicht, um Verwandtes anderer Menschen in Resonanz zu erleben. Mit der angemessenen Vorsicht kann man aus solchen eher poetischen Prozessen dann sogar Schlüsse ziehen. Auch eine Art Operation. Atmosphärisch-biographische Vivisektion. Robert Musil.

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