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Atmosphärisches Wochenbuch

Ethikdialoge - ein Erfahrungsbericht

Raimund Schöll am 25.01.2012

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Vor kurzem bekam ich in meinem Büro Besuch von einer Kollegin, die im Rahmen ihrer Supervisionsausbildung das Thema „Ethik in Coaching und Supervision“ näher untersucht. Ihre Interesse: im Gespräch herausfinden, wie Berater mit ethischen Fragestellungen in ihrer Beratungspraxis umgehen. Wann und wie tauchten ethische Fragestellungen bei Beratern, Supervisoren und Coaches auf, und in welchen Zusammenhängen?

Aus Neugier hatte ich dem Interview zugesagt, aber auch, weil mich meine eigenen Reaktionen interessierten, die da kommen würden, wenn man mich mit dem Thema konfrontierte. Wie würde ich mich als direkt Angesprochener bewegen im Gelände der Moral, des Richtig und Falsch? - ein Thema, das noch dazu stark im Trend zu liegen scheint, derzeit.

Ausgangsfrage war, wann es für mich in letzter Zeit eine Situation gegeben hatte, in der ich mich ethisch gefordert sah.

Spontan fiel mir eine Situation ein, in der ich einer potentiellen Klientin vor ein paar Monaten, während eines Auftragsklärungsgesprächs, nahe gelegt hatte, dass sie mit ihrem Anliegen bei mir nicht optimal aufgehoben wäre.

Meine Erinnerung: Ich rang damals mit mir, aber ich hatte den begründeten Verdacht, dass die Interessentin gerade mit einer schwereren psychischen Beeinträchtigung kämpfte, für die ich als Coach nicht gerüstet gewesen war. Auf der anderen Seite kam sie auf Empfehlung einer ehemaligen Coaching-Klientin, und sie wollte augenscheinlich gerne mit mir arbeiten. Ich empfahl ihr schließlich dennoch, besser eine mir bekannte und klinisch erfahrene Kollegin aufzusuchen.

Entlang des Falls interessierte sich meine Interviewerin dafür, was mich zu dieser Entscheidung gebracht respektive, welche Werte ich meiner Entscheidung zugrunde gelegt hatte? Ich sollte beschreiben, aber auch zu begründen, warum ich mich so und nicht anders verhalten hatte. Was hatte mich wohl in diesem Fall geleitet, diese und keine andere Entscheidung zu treffen?

Ich möchte an dieser Stelle nicht näher darlegen, welche für mich relevanten Werte im einzelnen während des Interviews  heraus kamen. Werte, die einem wichtig sind, öffentlich, ohne dass einen jemand dazu auffordert, direkt zu beschreiben, finde ich eher peinlich, um ehrlich zu sein. Aber so viel sei gesagt: die Werte, die meiner Entscheidung zugrunde lagen, kamen doch recht deutlich zum Vorschein. Ich war selbst überrascht, wie ich mich selbst da reden hörte, über den Prozess meiner Entscheidung, in dieser ethischen Situation.

Vorläufig würde ich, auch auf der Basis dieser persönlichen Erfahrung, nun über Ethikdialoge folgende Hypothesen wagen:

1. Über die Ethik im allgemeinen zu sprechen ist das eine, (alltags-)praktische ethische Prozesse und Fragen gemeinsam zu untersuchen das andere.

2. Ethische Destillate können sich induktiv ergeben: man schließt vom Einzelfall auf die dem zugrunde liegenden Werte, aber auch umgekehrt geht es: man reklamiert Werte für sich und wendet diese ableitend auf Einzelfälle an. Mir persönlich scheint die erste Vorgehensweise natürlicher, weniger „preussisch“.

3. Wenn es um Ethik geht, ist man schnell verführt zu plappern. Besser wäre - zu untersuchen. Eine untersuchende Bewegung heißt im wesentlichen: Verlangsamung des Sprechens. 

4. Ethische Prozesse, die gelingen sind kognitiv, aber auch emotional. Ich fand mich während des Interviewprozesses teilweise sehr berührt vor.

5. Erklär mir deine Ethik! - Geht nicht. Es braucht dialogische Atmosphären, damit Ethikgespräche gelingen, sie nicht in's Vorlaute abrutschen.

Interessante Erfahrung – dieses Interview, mit der Kollegin. Merci!

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