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Atmosphärisches Wochenbuch

Erlöseraktanten

Matthias Ohler am 11.09.2011

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Helmut Schmidt macht das Rennen: Vielen Deutschen gilt er als derjenige, der besonders mit den Kohle-Krisen am besten fertig würde. (WELT am Sonntag) Das ist eine eigenartige atmosphärische Aktanten-Fixierung, die eher an das Lied denken lässt: Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wieder ham. Man träumt zwar von einem jüngeren Helmut Schmidt. Aber eben von einem Macher. Doch eben Helmut Schmidt warnt ja immer wieder gerne davor, nicht aus dem Auge zu verlieren, daß Europa sich dahin entwickelt, weltpoltisch randständig zu werden, und sei es wegen des rapide sinkenden Anteils an der Weltbevölkerung. Was erwartet man dann von so einer Rettungs-Figur im Mittelfeld dieses Europa? Es ist wohl tatsächlich eher eine Erwartung auf der Seite des atmosphärischen Erlebens als auf der Seite dessen, was tatsächlich an Handliungsfähigkeit erwartet werden kann. Man wäre einfach leidensbereiter. Winston Churchill gewann Wahlen mit "I´ve got nothing to promise but blood, sweat and tears." Aber auch nur einmal, und unter sehr besonderen historischen Umständen. Helmut Kohl war da anders drauf: Er versprach blühende Landschaften (auch unter sehr besonderen historischen Umständen), wohlwissend, daß man ihn dafür schimpfen oder gar hassen würde - aber wieder wählen. Keine Experimente. Und so geschah´s. Bis zum Überdruss. Gerhard Schröder gewann dann auch mit der Fixierung auf ihn selbst: "Ich bin bereit". Ohne dabei zu vergessen, manchen WÄhlerinnen und Wählern durch Wertschätzung die Übergabe leichtzureden: "Helmut, danke für alles, aber es reicht." Und ein weiteres mal gewann Schröder unter anderem mit Plakaten des einsamen, sorgenvollen Entscheiders in der Nacht (erinnerte auch irgendwie an "beim Führer brennt noch Licht").

Die Fixierung auf Erlöserfiguren ist in unseren Erlebensmustern alt und wirkungsvoll. Und sie wird von Medien leider gern unterstützt. Aber vielleicht ist sie so enttäuschungserfahren, daß man vielleicht hoffen könnte, daß sie vielleicht keine Wahlen mehr entscheidet.

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