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Atmosphärisches Wochenbuch

EM - unpolitisch?

Raimund Schöll am 26.04.2012

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Die EM steht diesmal unter getrübten atmosphärischen Vorzeichen. Die ehemalige Regierungschefin, Julia Timoschenko, sitzt seit geraumer Zeit krank und - zumindest unter rechtsstaatlichen Gesichtspunkten - zu Unrecht verurteilt in Haft und ist seit vorgestern in den Hungerstreik getreten. Die Studenten in der Ukraine quartiert man gerade massenweise regierungsseitig aus ihren Studentenunterkünften aus - unfreiwillig, um den bald einreisenden EM- Schlachtenbummlern aus ganz Europa preiswerte Unterkünfte anbieten zu können. Alles über Agenturen arrangiert, mit viel Gewinn im Spiel für ein paar zwielichtige Geschäftemacher. Ihre Miete weiterzahlen müssen die Studenten dennoch.

Eigentlich unglaublich. Aber die meisten europäischen Fußballfunktionäre lehnen eine Intervention - in welcher Form auch immer - ab, mit dem Verweis, Sport sei einfach Sport und der solle nicht getrübt werden durch die Politik. Das Ganze kommt mir ein wenig vor wie eine Hochzeitsfeier, zu der der böse Onkel und wissentliche Mißhandler als Wolf im Schafspelz mit einlädt, und man dies - warum auch immer - toleriert, damit das Fest nicht gefährdet ist. Unpolitisch? Systemisch-familiendynamisch gesehen wäre das Politik in Reinkultur m.E.

Ich frage mich: Wie kann das System Sport bzw. Fußball so tun, als ob es unpolitisch sei, wenn politische Sachverhalte so hochtönig dazwischen klingen, dass es weh tut? Kann man sich ernsthaft als unpolitisch geben, wenn sich das Drum-Herum eines sportlichen Ereignisses als im höchsten Maße unsportlich ausnimmt? Auf dem Fußballrasen werden Fouls jedenfalls konsequent geahndet, in schwereren Fällen sogar mit Platzverweisen.

Der Boss des Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, verweigert sich der Autosuggestion des Unpolitischen, indem er seine Einreise in die Ukraine abgesagt hat, solange Frau Timoschenko keine unabhängige ärztliche Behandlung bekommt. Besonders wirkungsvoll ist das nicht, bekundete er gestern selbst. Aber sportlich, politisch und auch atmosphärisch ist es konsequent. Finde ich. 

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