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Atmosphärisches Wochenbuch

Einige Gedanken zu Libyen nach Gaddafi

Raimund Schöll am 25.10.2011

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Dass Gaddafi nicht mehr lebt, hat sich herum gesprochen. Nun aber, wo der Tyrann tot ist, beginnt in Libyen die Selbstbesinnung, um nicht zu sagen die Selbstbestimmung. Feindbilder können Menschen einen. Sobald sie allerdings weg fallen, brechen sich neue andere Bilder Bahn, um das Vakuum nur ja rasch zu füllen.

Von der Scharia ist nun die Rede, die als Gesetzesgrundlage für Libyen herhalten soll. Wer davon geträumt hat, in Libyen würde alsbald eine Demokratie westlichen Zuschnitts eintreten, wird nun schon eines besseren belehrt, hat vielleicht nicht damit gerechnet, dass soziale Systeme in erster Linie autopoeitische Systeme sind. Will heißen: selbst wenn sich solche neu zu konfigurieren scheinen, bauen sie eben immer auf Gelerntem auf. Man darf gespannt sein, was in Libyen gelernt wurde und vor allem von wem? Die Art und Weise jedenfalls wie Gaddafi um kam, lässt so manch diesbezüglichen Optimismus zurecht gedämpft ausfallen.

Und war das in Libyen nicht eine Revolution? Der bekannte, leider zu früh verstorbene Soziologe, Pierre Bourdieu, hat in seinen Werken hin und wieder darauf aufmerksam gemacht, dass in der Welt Revolutionen wohl nur sehr selten vorkommen, wenn es sie überhaupt je in der Geschichte gegeben hat. Was wir mit Revolution verwechseln, so Bourdieu, ist meist eine Neuverteilung von Jetons sprich Kapitalsorten. Bei Umstürzen oder Umbruchsversuchen gehe es, so Bourdieu, nur vordergründig um Ideale wie Menschenrechte, Freiheit und andere hehere Ziele. Hintergründig fänden soziale Ausscheidungskämpfe zwischen rivalisierenden gesellschaftlichen Gruppen statt, die zwangsläufig neue Zuweisungen von kulturellem, ökonomischem und symbolischem Kapital nach sich ziehen. So gedacht wird interessant werden, wie sich die soziologisch-atmosphärischen Verhältnisse in Libyen entwickeln werden, wer und welche Gruppen bzw. Milieus dort bald den Ton angeben und wer und welche Gruppen und Milieus leise treten oder aber vielleicht bald schon wieder lauter werden.

Von vielen im arabischen Raum übrigens, auch in Libyen, wird inzwischen die erdogansche Türkei als das leuchtende Gesellschaftvorbild ausgerufen und eben nicht Amerika oder Frankreich oder England oder Deutschland. Kurz darüber nachgedacht, überrascht das nicht wirklich, finde ich.

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