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Atmosphärisches Wochenbuch

Einer meiner schönsten Kriege

Matthias Ohler am 05.06.2012

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Aus Anlass der Beobachtung spielener "Mauerkinder" (Sonntag hier im Wochenbuch) hier Erzählungen eines "Kriegskindes". Die Überwölbung früher Erfahrung durch spätere Deutung aus dem Bewusstsein hinzubekommener historischer Erfahrung ist ein ganz eigenes Phänomen. Man könnte es atmosphärische Vereinheitlichung nennen (um einen relativ wertneutralen Begriff finden zu müssen). Ich glaube, ich habe es schon einmal in dieses Wochenbuch gestellt vor längerer Zeit. BIn mir nicht sicher. Abes es passt jetzt, denke ich.

 

Einer meiner schönsten Kriege

Matthias Ohler

Donnerstag, 30. März, 2006

Teil eines Kapitels aus dem Manuskript “Liebe Deutsche”

 

„Einer meiner schönsten Kriege übrigens, der Zweite Weltkrieg.“ - Dieser Satz, geäußert von

Jochen, ist an Authentizität kaum zu überbieten, so viele Sätze ich bisher gehört habe. Jochen ist ein

achtunddreißiger Jahrgang, und er ist vielleicht der einzige Mensch, dem ich so ziemlich alles glaube,

was er mir erzählt. Selbst Witze erzählt er in einer Weise, dass man glauben könnte, er habe diese

Situationen, die in der Pointe münden, selbst erlebt. Möglicherweise sind es sein Lachen, eher ein

Sesamstraßen-Ernie-Kichern, und seine feuchten, manchmal tränenden, immer freundlichen Augen,

die das bei mir bewirken. Übrigens könnte Jochen anderntags genauso authentisch das Gegenteil

sagen, ohne sich wirklich zu widersprechen. Fast regelmäßtig verleite ich mich dazu, aus seinen

Erzählungen Wahrheiten oder großspurige, zum Beispiel psychologische Theorien abzuleiten und

auszusprechen, womit ich wiederum Jochen verleite, sie wie beiläufig oder spielerisch zerbröseln zu

lassen.

Wir sitzen in wechselnden größeren Abständen beisammen im Goldenen Lamm, einem

gemeinsamen Stammlokal – das würde er womöglich so auch nicht unterschreiben -, und eigentlich

ist mir immer am liebsten, wenn er spricht und ich nur zuhöre. Natürlich erzähle ich auch zuweilen

etwas, aber da ich zweiundzwanzig Jahre jünger bin als Jochen - daher kein Achtundsechziger, was

er durchaus hätte werden können, rein zeitmäßig jetzt -, entwickeln sich unsere Gespräche beinahe

zwangsläufig so, dass er mehr als drei Viertel der Redezeit erhält. Es sieht, wenn er mir zuhört, auch

häufig so aus, als sei sein Interesse eher diplomatischer Art, begleitet von einem wie automatischen

Nicken des tief in den Schultern sitzenden Kopfes und einem sächsich rasselnden „mhmm“. Im

Trinken halten wir uns aber durchaus die Waage, meistens Bier, seltener mal ein paar Viertel Wein,

die zusammengenommen ein vielfaches Ganzes ausmachen können.

Wir haben auch schon Wetten abgeschlossen. Die Berliner U-Bahn-Scheiben-Wette habe ich

gewonnen. „Du kannst egal mit welcher Linie fahren, du wirst keine Scheibe finden, die nicht

mutwillig verkratzt oder verschmiert ist. Das hat mich, als ich unlängst wieder in Berlin gewesen

bin, wirklich geärgert. Das´s ne Rücksichtslosigkeit.“ Hatte er erzählt. Und es hatte sich mit meinen

Wahrnehmungen bei meinen vielen Berlin-Besuchen getroffen. Bis ich, es war vielleicht vor zwei

Jahren, zurückkam und berichten konnte, durch eine Scheibe geguckt zu haben, die völlig frei von

Kratzern oder sonstigen Schädigungen war. Ein Fahrer der U15 hatte mich offenbar ratlos vor den

neuen elektronischen Informationstafeln stehen sehen und gefragt, wo ich hin wolle.

„Uhlandstraße“, hatte ich geantwortet. „Na, da fahre ick hin, steing´Se in.“ Die Türen der

Fahrgasträume waren und blieben aber verschlossen. „Komm´Se“, lud er mich erneut ein und zeigte

auf die geöffnete Tür des Fahrerhauses. Und da saß ich nun vor einer großen, unversehrten Scheibe

und fuhr die zwei Stationen bis zum U-Bahnhof Uhlandstraße neben dem Fahrer, der mir wie

nebenbei noch einiges von Selbstmördern und Tarifstreitigkeiten erzählte. Sofort dachte ich an

Jochen und unsere Wette. Er quittierte meinen Bericht, als ich wieder im Lamm am Stammtisch ihm

gegenüber saß, mit „mhmm“ und dem Jochen-Nicken.

Wie bei anderen Menschen auch, und das trifft auch auf mich selbst zu, kann ich mir Jochen, wenn

er von seiner Kinderzeit erzählt, nur so vorstellen, wie er jetzt aussieht. Ich kenne ihn nur mit

weißem Haar. Als junger Mann muß sein Schopf tiefschwarz gewesen sein, behauptet er

wenigstens. Änderte es etwas, wenn ich wü.te, wie er als Kind „wirklich“ aussah? Beim

Schwimmen in den Bombentrichtern der XXX-Straße in Leipzig? „Einer meiner schönsten Kriege

übrigens, der Zweite Weltkrieg. Wir hatten, durch die drei in einer exakten Reihe

hintereinanderliegenden Bombentrichter unserer Straße, drei Schwimmbecken, kostenlos, versteht

sich. Das war himmlisch für mich, nich. Ich konnte baden gehen in einer Zeit, als es bei uns kein

öffentliches Schwimmbad gab sonst. Und das noch zur Schulzeit. Da war ich dankbar für. Wenn die

Bomberverbände im Anflug waren, gab´s natürlich Alarm, nich. Und da fiel der Unterricht aus. Und

die Schaffner in der Straßenbahn kontrollierten dann natürlich auch nicht mehr; das Fahrgeld, das

mir meine Mutter gegeben hatte, gehörte damit mir. Die saß ja schon im Keller mit der Gasmaske

auf. Eine häßliche Mutter habe ich oft gehabt, wie sie da so vor mir saß mit der Maske auf´m

Gesicht - .“ Und er kichert dazu wie eine Gummihexe oder eine Handpuppe, der Kopf zuckelt in

seinem Schulterbett rauf und runter, und alle, die mit mir und Jochen am Tisch sitzen, lachen mit.

Wir sind selten allein am Stammtisch, aber wenn wir einmal allein sind, gefällt es mir am meisten.

Kein anderer fühlt sich bemü.igt, selbst etwas zum besten zu geben. Der Vorteil, wenn andere dabei

sind, ist der, daß Jochen angeregt wird, ihm noch etwas einfällt. Zum Beispiel die Geschichte seiner

Auseinandersetzung mit seinem Vater, dem er gesagt hatte, er, Jochen, werde einst ein eigenes Radio

haben. „Da bekam ich eine gefeecht. Aber Recht behalten habe ich. Das konnte sich mein alter Herr

natürlich überhaupt nich vorstellen, daß er, geschweige denn ich ein eigenes Radio besitzen würde,

zweiundfünzig. Und dann hab ich rübergemacht später und hatte mein Radio binnen kürzester Zeit.“

Sein Besuch eines Friedhofs in Süddeutschland für alliierte Bomberpiloten des zweiten Weltkrieges

meisten grade ma zwanzich” - habe ihn besonders erschüttert, erzählte

er kürzlich. Da lachte er nicht. Sah aber selbst da eher neugierig aus, wie ich das wohl aufnehme.

Jochen spielt nicht.

Jochen empfiehlt übrigens neuerdings, wieder mal Karl Marx zu lesen. Er mußte das früher tun, weit

mehr und öfter, als ihm damals lieb war, sagt er. Aber ich vertraue ihm halt, wie gesagt. Und wenn

er was empfiehlt, probiere ich´s meistens aus.

Kommentare

07.06.2012

Ute

Vielen Dank für die Buchempfehlung. Ich werde es lesen.
Ich genieße es Euer Wochenbuch zu lesen und mich von Euren philosophischen Gedanken inspirieren zu lassen.
LG

05.06.2012

Matthias Ohler

Danke für die Resonanz. Für diese Bilder, Ute, lohnt es sich, zu schreiben. Dem so vielgeschmähten Martin Walser ist das in "Die Verteidigung der Kindheit" so phänomenal gelungen, gerade für diese Reiseerfahrungen im geteilten Deutschland, die Gesten, Körperbewegungen, Sprachgesänge, Beziehngsgestaltungen, verschicksalte Innenräume, uvm.

05.06.2012

Ute

Ist es nicht ein faszinierendes Phänomen, dass dem Grauen noch etwas schönes abzugewinnen ist, wie hier das Schwimmbad im Bunker.
Ich war vor 2 Monaten in Berlin und bei mir bewirkt Berlin eher das Gegenteil. Als 12-jährige besuchte ich meine Großeltern in Westberlin und ich kann mich noch sehr gut an die Fahrt mit dem Zug durch den Osten erinnern. Der Zug fuhr nicht so schnell und dann hielt er irgendwann an und ostdeutsche Soldaten kontrollierten unsere Pässe und ich musste an unsere Autofahrt denken als wir mit 90 km/h über die Autobahn des Ostens fuhren, ebenfalls nach Berlin und mein Vater sagte immer,"Hoffentlich haben wir keine Panne!" Bei uns Kindern verursachte dies immer ein mulmiges Gefühl.Irgendwie war das der imaginäre Feind.
Ich habe immer zwei Empfindungen, wenn ich in Berlin bin. Ich erinnere mich an die Aufenthalte und netten Berliner, jedoch ist dies immer getrübt von dem Blick der Aussichtstürme über die Mauer in den Osten und diese holprige Fahrt über die damalige Autobahn.
In mir ist auch ein Stück Mauerkind!

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