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Atmosphärisches Wochenbuch

Den Ort retten II

Raimund Schöll am 25.10.2015

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Beim Frühstück liest Hofer einen Artikel in der ZEIT über einen Theateregisseur aus Dresden, der ein aufklärerisches pegidakritisches Theaterstück mit realen Bürgern in der Stadt aufführt. Als Folge des Engagements müssen Regisseur sowie „Schauspieler“ inzwischen um ihre körperliche Unversehrtheit fürchten. Man mag es gar nicht glauben - aber täglich prasseln hundertfach bösartigste Hass- und Drohmails bishin zu Morddrohungen auf die Theaterleute ein. Die Stimmung in Dresden scheint aufgeladen, aber auch bedauernswert merkwürdig, findet Hofer. Selbst in Cafés und an anderen öffentlichen Plätzen und Orten wird offenkundig und unüberhörbar gegen Asylbewerber und Ausländer gewettert, während sich andere dagegen verwehren oder nur noch das Weite suchen. Ein Riss, der die Stadt zerklüftet. Während die einen ihrem Hass fröhnen, versuchen die anderen in dieser schönen Stadt eine demokratische menschenfreundliche Gegenkultur wie einen Schild hoch zu halten. Im Alltag sehen sich Leute mißtrauisch in die Augen, heißt es: Aus welchem Lager mag der andere wohl sein? Das Ganze grenzt an "Verkehrte Welt", erinnert an längst vergangene Zeiten. Bei Hofer machen sich angesichts der Beschreibungen seltsame Anmutungen breit. Man möchte spontan nach Dresden fahren, um wenigstens auf diese Weise aktiv zu werden, sich selbst ein Bild verschaffen über das, was sich in jenem Teil der Republik politisch atmosphärisch zusammen gebraut hat, sich mit Fleiss auch in die finstere Schar derjenigen, die brüllt und sich empört, stellen, um zu testen, welche es sind, die da drin stehen, und wie es sich anfühlt. Es müssen doch Menschen sein. Eine Art sozialwissenschaftliche Selbstverpflichtungstherapie murmelt Hofer, während das Holz im Wohnzimmer unter seinen Schritten knarzt. Die sogenannten besorgten Wutbüger erzeugen eine denkwürdige Gegenwut in ihm. Manchmal ist die Gegenwut so übermächtig, dass er von Transitzonen für Xenophobe fantasiert, er sie alle zum Teufel wünscht und am liebsten rausschmeissen möchte - egal wohin, nur weg mit ihnen. Aber die Frage ist, ob das gut tut? Ihm - und jenem denkwürdig hoffähig gewordenen Fascho-Zeitgeist, der, wenn man nicht aufpasst, Gefahr läuft, wie er an sich bemerkt, nicht allein nur von rechts aus mit bekocht zu werden.

Kommentare

26.10.2015

Otty Baume

http://www.carl-auer.de/blogs/kehrwoche/der-faschismus-lebt/

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