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Atmosphärisches Wochenbuch

Das Kreuz und der Haken mit der Identität

Matthias Ohler am 22.07.2012

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Hakenkreuz-Tattoos (in diesem Fall des Sängers Evgeny Nikitin) sorgen für Aufmerksamkeit auf etwas, das mir sonst eher egal ist: Die Bayreuther Festspiele. Letztere haben mich nur interessiert als Beispiel für das Habitus-Phänomen in dem Film über Pierre Bourdieus "Die Feinen Unterschiede", der im ZDF 1983 gesendet wurde, und für ähnliche Hofhaltungs-Riten. Dass Nikitins mittlerweile überstochene Hakenkreuze überhaupt Thema weden konnten, liegt daran, dass mittlerweile alles mögliche, das zu irgendeiner Zeit gefilmt oder sonstwie dokumentenfähig wurde - zB in Nikitins Metal-Zeiten - früher oder später ausgegraben und zum Identitäsproblem und damit Marken- und Markt- und Salonfähigkeitsproblem gepuscht werden kann. Carl Auer sagte mal: Pass auf, was Du denkst, es könnte wahr werden. Man könnte heute sagen: Pass auf, wer Du sein wolltest, Du könntest gezwungen werden, es zu werden und zu bleiben. "Mit Lügen ist es ohne weiteres zu machen, ein einziges Wort, ein sogenanntes Geständnis, und ich bin ´frei´, das heißt in meinem Fall: dazu verdammt, eine Rolle zu spielen, die nichts mit mir zu tun hat." (Max Frisch, Stiller, S. 84, Ausgabe stw, 4.Aufl 1975) Nikitin darf jetzt also den "Holländer" nicht spielen, sondern muss spielen, was er vielleicht nie war. Frei wird er nicht. Und eins ist so real wie das andere, wird nur unterschiedlich bezahlt.

Kommentare

26.07.2012

Matthias Ohler

Litertaturtipp dazu: Harald Strohm: die Gnosis und der Nationalsozialismus.
Inquisitorei sollte eine ausgestorbene Profession sein - sie feiert aber immer wieder Rebirthing-Partys.

25.07.2012

deaXmac

Mit dem Wagner-Kult kann ich ebenfalls vergleichsweise wenig anfangen. Das ganze Dilemma erinnert an die ideologische Verheizung von Nietzsche durch seine Schwester. Schwärmerische Dummheiten in der Jugend, die ein Leben lang als Stigma haften bleiben? Keine Chance auf einen Wandel mehr? Macht das Sinn?
Neulich bin ich in einem Betrieb (die Inhaber sind Inder) auf ein Wandbild mit asiatischen Motiven und Hakenkreuz-Symbolen getroffen. Zunächst etwas irritiert, habe ich die Lösung gefunden:Dies sind uralte Motive, auch wenn sie in unserem Kulturraum von den Nazis mißbraucht wurden.
http://de.wikipedia.org/wiki/Swastika
Mal abgesehen von den Nazis: Ich finde das Symbol nicht schön. ich vermag auch der Tätowierung Nikitin's nichts abzugewinnen. Aus dem einfachen Grund, da ich Tätowierungen nicht mag. Über Identitätsprobleme und politische Ausrichtund des Sängers vermag ich mich nicht zu äußern.
Jedoch, kann man nicht einmal damit aufhören, einmal mißbrauchte Symbole weiterhin zu benutzen, Menschen damit für den Rest ihres Lebens zu exkludieren und als Aussätzige zu behandeln? Was geschehen ist, ist geschehen. So grausam es war. Wenn wir es konservieren, auch im negativen Sinn, behält auch das Symbol seine Macht und bleibt auf Dauer verhaftet. Das ist kein Weg.
Das ist ein virtueller Kerker.
Fragt sich doch, wer ist hier berufen, den Inquisitor zu spielen?

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