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Atmosphärisches Wochenbuch

Dagegen

Raimund Schöll am 27.04.2011

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Warum sollte ich in mich gehen? Ich hatte diesen Satz noch nicht ausgesprochen, da sah ich schon wie ein graues Haar mehr bei Herrn Dax, meinem Therapeuten, wuchs. Herr Dax hält es für eine ausgemachte Sache, dass ich Widerstand leiste. Widerstand, das ist die Lieblingsvokabel von Herrn Dax. Ich sei dauernd im Widerstand, daher würde ich keine Fortschritte machen in den Sitzungen, sagt er. Es würde mir gut tun, mal zur Abwechslung für etwas zu sein. Wahrscheinlich hat Herr Dax recht. Ich bin tatsächlich meistens dagegen. Ich bin gegen meine kleinmütigen Nachbarn und intriganten Kollegen, gegen verbohrte Lehrer und korrupte Bankmanager, gegen pädophile Priester und hybride Chefs. Hunde mag ich nicht und Katzen gleich dreimal nicht. Wenn ich mit Jutta zusammen bin, bin ich auch meistens dagegen. Ich mag keine romantischen Abenddinner, keine ausgedehnten Spaziergänge am See, Verreisen mit ihr? -  ein Graus! - will keine Freunde oder andere Gäste zu Hause bewirten und hasse es, wenn sie mich morgens aufweckt mit ihrem Begrüßungsküsschen und sagt: Guten morgen Schatz! Ich bin gegen karrieregeile Politiker, finde, dass die meisten schlecht aussehen und man durch den Fernseher riechen kann, wie sie aus dem Mund stinken, ich bin gegen Mülltrennung und weder für die Atomkraft noch kann ich mich für deren Abschaffung begeistern. Das Dagegensein gipfelte neulich darin, dass ich den Gewinn, den ich bei einem Loskauf auf einer Kirmes gemacht hatte, nicht entgegen nahm, aus Protest gegen die Heiterkeit, die allenthalben herrschte.

Wenn man mich fragt, woher ich dieses Dagegensein habe oder von wem? Ich weiß es nicht. Nein, ich weiß es wirklich nicht! Man rätselt da schon lange. Irgendetwas in Ihrer Jugend Dünnbier, sagt Dax, er tippe auf ein verstecktes Trauma. Dagegen meint Jutta, meine Widerspenstigkeit rühre von einem meiner Vorleben her. Wahrscheinlich sei ich in meinem früheren Dasein ein Katharer gewesen. Die Katharer hätten sich auch gegen alles gestellt, hätten nicht gescheit gegessen und gevögelt und so weiter. Vielleicht aber sei ich ja auch - ganz im Gegenteil - Großinquisitor während der Reconquista gewesen, befand Jutta allen Ernstes, mein leicht verhärmter Gesichtszug könne da als Indiz her halten. Dabei habe ich ganz weiche freundliche Gesichtszüge. Ehrenwort! Mein Freund Armin wiederum ist ganz anderer Ansicht. Es läge wahrscheinlich an meiner zu geringen Körperspannung, sagt er, ich würde mich in meinem Dagegen-Sein aufzurichten suchen, würde beweisen wollen, noch da zu sein auf dieser Welt.

Es ist wird vielleicht nicht wirklich überraschen, aber ich bin gegen all diese Erklärungen und Theorien! Erklärungen sind lächerliche Zwerge des Geistes. Sie machen uns zwar eloquenter, aber auch blöder. Tatsache ist, dass manche Dinge so sind wie sie sind. Mein Dagegen-Sein ist was es ist. Einfach ein Dagegensein, eine Angewohnheit - mehr nicht. Würde man sich die Mühe machen, würde jeder genügend Gründe finden, die dafür sprechen, dagegen zu sein. Das sollte man Herrn Dax vielleicht einmal sagen. Er sieht das alles viel zu negativ.

Aus: Theo Dünnbiers Gedankenfluchten - Die Kunst den Überblick zu verlieren, unveröffentlichtes Manuskript, 2011 (Raimund Schöll)

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