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Übersicht

Atmosphärisches Wochenbuch

Beratung und Konsum

Raimund Schöll am 01.01.2016

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Der von mir hoch geschätzte Soziologe und Gesellschaftkritiker Zygmunt Bauman stellt in seinem neuesten Essay "Retten uns die Reichen" fest, dass die „Dinge“, also die Gebrauchsgegenstände des Konsums in der Regel heutzutage „…nur solange für den Kunden von Nutzen sind, so lange sie unvermindert in der Lage sind, den Konsumenten zu erfreuen - und „keine Sekunde länger“. Man schwört den Waren keine Treue. Man verspricht nicht sie zu behalten, sobald das Vergnügen oder die Bequemlichkeiten, die sie uns versprechen ausgeschöpft sind…. Der einzige Nutzen der gekauften Güter liegt darin“ so Baumann „dass sie die versprochenen Vergnügungen oder Bequemlichkeiten bereitstellen; sobald es damit eine Ende hat, oder sobald ihr Besitzer oder Benutzer irgendwo anders die Aussicht auf eine gesteigerte Erfüllung seiner Wünsche, quantitativ oder qualitativ, erspäht hat, können oder sollten sie weggeschmissen und ersetzt werden; und in der Regel ist das auch der Fall.“

Bauman bezieht die oben beschriebene Dynamik explizit auch auf zwischenmenschliche Beziehungen: „Genau dieses Beziehungsmuster zwischen Kunde und Ware oder Benutzer und Nutzen ist nun den Menschen in ihrem Umgang miteinander aufoktroiert worden.“ Es ist eine Abrichtung, die dafür verantwortlich ist, dass heutzutage zwischenmenschliche Beziehungen so fragil sind und dass sich Verbindungen und Partnerschaften zwischen den Menschen so schnell verflüchtigen…. (Zygmunt Bauman, 2015)

Die Entwicklung hin zu einer auf Konsum basierenden Beziehungsgestaltung kann man m.E. auch im Feld der Menschenbereratung beobachten. Auch hier gewinnt man bisweilen den Eindruck, dass die Erwartungshaltung mancher Kunden bzw. Klienten auf schnellen Beratungskonsum gerichtet liegt. Es entstehen so in der Beratung immer wieder Situationen, die den Anschein geben, Beratungsleistungen könnten als rein objektive Dienstleistungen herhalten, in dem Sinne als wäre die zu leistende Beratung ein Ding, das man sich wie einen Schuh kaufen könne und welche ohne das Dazutun des „Käufers“ funktioniere bzw. Nutzen stifte.

Es ist jene merkwürdige Vorstellung von Beratung, die jede Form von Wechselseitigkeit im Grunde negiert: ich Klient bin ein passiver Konsument der Beratungsleistungen meines Beraters. Der zu Beratende ruft die Beratungsleistung des Beraters sozusagen als unabhängige Variable, also unabhängig vom Verhalten des zu Beratenden, ab. Die Doxa einer Subjekt-Objekt-Beziehung, die ja epistemologisch schon lange fragwürdig ist, hält auf diese Art in das praktische Beratungsgeschehen Einzug. Gleichsam wie ein Naturgesetz wird ein monokausales Ursache-Wirkungs-Verhältnis zwischen Berater und zu Beratenden unterstellt.

Vielleicht ist es dabei gar nicht so sehr die Frage von "Augenhöhe", die einen hier beunruhigen muss. Mit anderen Worten: Wäre es auf irgendeine Art nützlich eine auf Zwischenmenschlichkeit basierende Beratungsleistung ohne Augenhöhe zu konsumieren, hätte man vielleicht gar nichts dagegen nicht auf Augenhöhe zu sein oder als ein Quasi-Gebrauchswerkzeug herzuhalten.

Nein, was erfahrene Berater naturgemäß hier umtreibt, ist der schlichte Sachverhalt, dass Berater und zu Beratender im konstatierten Konsumentenmodus in der Regel unter ihren Möglichkeiten stecken bleiben. Mit anderen Worten beherrscht eine derart als „objektiv“ definierte Beziehungsdefinition die Beratungsatmosphäre, wird genau das, was sich der zu Beratende erhofft, nämlich eine tragfähige Beantwortung oder Lösung seiner Fragen praktisch verunmöglicht.

Redlicherweise sollte man sich da allerdings als Berater fragen, inwieweit man nun selbst wiederum diese Erwartungshaltung beim Kunden mit herbei führt? 

Ich behaupte da nun - durchaus auch selbstkritisch-, dass das Marketing vieler Berater die Suggestion einer wie oben dargestellten Konsumentenbeziehung geradezu miterzeugt. Berater sind heutzutage immer mehr darauf bedacht, sich und ihre Dienstleistung produktgängig zu machen. Man bietet sich und seine Beratungsleitstung als Produkt an, mit der freilich legitimen Absicht,  dass der Abnehmer des Produktes das Gefühl habe, einen maximalen Nutzen aus dem Beratungsangebot zu ziehen: Ich Berater gebe dir, du zu Beratender kriegst. 

Möglicherweise aus einem gefühlten Zwang heraus, einen vorgestellten Status Quo bedienen zu müssen, stellen Berater ihre Dienstleistung wie in einem Schaufenster „objektiv“ aus, wundern sich dann aber, wenn der Klient mit erwartungsfrohen Augen auf die Einlösung des Versprechens aus dem Schaufenster während der Beratung blickt. Das geflügelte Wort, ein Mantra, das der lässige Kunde im Munde führt lautet demgemäß: Was kriege ich von dir, wenn ich dich kaufe? 

Witzigerweise besteht hier gerade eine vorbewußte Form der unausgesprochenen Wechselseitigkeit, die untertellt dass es genau so zu laufen habe. Als wenn er sich die Qualität der Beratung lediglich an einer "rationalen" Entscheidung zwischen Produkt A und Produkt B, C oder D bemessen ließe.  

Der Akzent der Selbstbewerbung (Selbstmarketing) vieler Berater liegt also gerade nicht auf der Betonung eines für den Klienten förderlichen sozialen Prozesses, innerhalb dessen durch wachsamen und differenzierten Austausch Lösungen und neue Handlungsoptionen entstehen, sondern auf dem eines vermeintlichen Produktes, das der Berater vorhält und mit einem mehr oder weniger spezifischen Beratungsversprechen, welches entsprechend auf Einlösung wartet, aber letztendlich so wie versprochen gar nicht oder nur selten, jedenfalls nie analog wie aus dem Schaufenster eingelöst werden kann. 

Somit wären wir Berater alle auch Teil-Mitverursacher der von Bauman konstatierten und gesellschaftlich eindimensional gelebten sowie von Beratern selbst  beklagten Konsumnaltung der Menschen, die bedenklich scheint und uns erfahrungsgemäß auch nicht retten wird.

Kommentare

03.01.2016

MatO

Und das als Präsident Uruguays. Immerhin ...
Shakespeare, ja, wie so vieles, das man lesen oder bedenken oder schreiben könnte.

03.01.2016

Raimund

Der Mann sagt die Wahrheit.

"Verbanne nicht die Vernunft
Als widersprechend; nein lass deine dienen
Wahrheit hervorzurufen, die verhüllt
Das Laster birgt, das tugendreich erscheint.!
Shakespeare

03.01.2016

MatO

Hier erneut dieser Hinweis, warum der Sportwagen problematisch ist ...
https://www.youtube.com/watch?v=4GX6a2WEA1Q

03.01.2016

Matthias Ohler

Der Sportwagen ist das zentralklientale Problem ... zB

02.01.2016

Raimund

Solange es in Richtung wohlfeiler "Warenangebote" oder böser - schöner "Wellness-Produkte" geht, fürchte ich, werden wir da nicht weiter kommen. Ich frage mich seit langem, warum die "Klugen Köpfe" der Berater und Beraterinnenn oft nur ihr eigenes Marketing- oder Verbandssüppchen kochen?1 Man könnte seine Intelligenz - sofern man natürlich das Reihenhäuschen und den Sportwagen schon unter Dach und Fach hat -, doch mal auch in die politischen Debatten einspeisen und damit gesellschaftlichen Nutzen stiften. Was sagen wir Berater/Systemiker zum Flüchtlingsthema? Was halten wir von PEGIDA und CO? Wie verhält es sich aus unserer Sicht mit der teilweise irrsinnig übertriebenen Kennzahlenorientierung in der Arbeitswelt? Mit welchen Auswirkungen ist da zu rechenen? Wollen wir Donaldtrumpismus in Deutschland etc.?
Ich habe meines Wissens schon mal an anderer Stelle hier gesagt: Ich möchte auch welche von "Uns" :-) mal in einer prominenten Talk-Show sehen.

02.01.2016

Matthias Ohler

Gute Frage. Aus meiner Sicht klare Antwort: Sicher nicht.
Und retten auch nicht Beratungs- und Therapeutenverbände, von denen man, gleich wie groß sie mittlerweile geworden sind, nichts zu den drängenden Probleme hört, außer vielleicht das Angebot unbezahlter (!) schneller Hilfseingreiftruppen. Politisch sind sie, wo es nicht ihre Anerkennung betrifft, wie klinisch tot. Das rettet uns auch nicht. Was aber dann?
https://www.youtube.com/watch?v=4GX6a2WEA1Q

02.01.2016

Raimund

Der Essay ist 2015 auf Deutsch in Form eines Buches beim Herder Verlag erschienen.

Zygmunt Bauman: Retten uns die Reichen?

Auf den Kontext hier bezogen könnte man m.E. aber auch fragen: Rettet uns die neoliberale Ideologie in der Beratung? :-)

02.01.2016

Matthias Ohler

Wo ist der Artikel von Zygmunt Bauman erschienen?
Was mir bei diesen Gedankengängen fehlt, ist die Berücksichtigung der Tatsache, dass Beratung in den meisten Fällen bezahlt wird. Das hat Auswirkungen auf die erwartete Beratungsbeziehung – von „beiden Seiten“. Eben gerade in Hinsicht auf deren Kündbarkeit oder irgendwie andere Beendbarkeit. Auch Konsum ist eine Beziehung. Auch wäre die Frage des Beratungserfolgs zu berücksichtigen, wie auch immer dieser zu bemessen (sic!) wäre. Wahrscheinlich ist dabei u.a. zu unterscheiden, wer wen wann wofür direkt oder indirekt bezahlt, was den oder die Ratsuchenden auf unterschiedliche Weise, aber immer irgendwie ins Boot holt – und auch wieder daraus entlassen sollte. Und es macht Unterschiede, ob wir in personenbezogenen Kontexten sind oder es mit sozialen Systemen wie Organisationen usw. zu tun haben.
In den Chor des Leidens über die Fragilität menschlicher Beziehungen mag ich nicht so recht einstimmen. Diese Fragilität ist eine Schwester der Freiheit. Sie ist auf der anderen Seite des Schmerzes, wo Kündbarkeit erst erfunden werden musste, um Leiden aus Abhängigkeit als beendbar gestalten zu können – und hat selbstredend ihre eigenen Schmerzensmöglichkeiten. Zahlungen in menschliche Verhältnisse einzuführen ermöglicht allererst auch Sicherheiten, die sonst nicht vorstellbar wären – die Urfigur der Versicherung ist davon geprägt, wie wir sie zB in den Witwenhäusern der Lübecker Schiffergesellschaft sehen können http://www.schiffergesellschaft.com/6-0-Bruderschaft+der+Kapitaene.htm (allerdings nicht in den pervertierenden Zerrbildern individuenbezogener „Versicherungen“ unserer Tage). Fritz Simon hat diese Entwicklungen in seiner Einführung in die systemische Wirtschaftstheorie lesenswert beschrieben.
Der Hinweis auf das Marketing seitens der Berater scheint mir richtig und sehr wichtig. Häufig ist dieses Marketing darauf bedacht – oder hat zumindest die Wirkung – bei potenziellen (zahlenden) Kunden das Erleben von Beratungsbedarf allererst zu erzeugen – mit den fatalen atmosphärischen Folgen. Ausführlicher hier:
http://www.atmosphaeriker.de/media/pdfs/OhlerProfile2012.pdf

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