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Atmosphärisches Wochenbuch

Alles lächelt - Warum "Hart aber Fair" manchmal hart ist

Raimund Schöll am 17.02.2011

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Bei „Hart aber Fair“, Mittwoch ARD 21:45 sitzen eine Fechtolympiasiegerin, ein prominenter älterer Journalistenausbilder und Sachbuchautor, eine Mutter von zwei Kindern und Leiterin eines Lerninstituts, das Vorschulkinder in Englisch ausbildet, ein Professor der Erziehungswissenschaften und ein Moderator der Tagesschau in bunte Studiofarben gehüllt beisammen. Es wird die Frage diskutiert, wie viel Härte Erziehung heute benötigt.

Sie werden gedrillt, pauken bis in die Nacht und sind die erfolgreichsten Schüler der Welt: Kinder in China oder Südkorea werden viel härter erzogen als deutsche Kinder. Brauchen auch wir wieder mehr Drill und Disziplin? Was ist wichtiger: das Glück der Kinder oder die Wettbewerbsfähigkeit des Landes?, so der Einspieler.

Die Sprachspiele, mit denen in dieser Diskussionssendung hantiert wird, handeln von "Leistung", Druck", "Anstrengung", "Disziplin", "Anschluss kriegen", "Exportweltmeister", "Schulsystem", "China", "Niederlage, "Sieg", "Leidensbereitschaft", "Leistungsbereitschaft", "Talent fördernde Eltern", "Pflicht der Eltern zu fördern", "Selbstbehauptung im Wettbewerb der Völker", "die absolute Spitze", "Siegeswillen", "Ressourcen aus den Kindern heraus holen", "Erzwingen von Regeln", "Drill, "Von nichts kommt nichts", "Kinder wollen von sich aus etwas leisten", "Kinder muss man nach ihren Talenten fördern", "alle Untersuchungsergebnisse zeigen eindeutig: Drill bringt nichts!"usw.

Trotz differierender Meinungen und kontroverser Debatten zum Thema entsteht, wie so oft in diesen Sendungsformaten, eine mich "clean" anmutende Atmosphäre. Die Diskutanten erscheinen mir aufgeräumt und vorgefasst in den eigenen Ansichten. Mehr oder weniger alle, außer dem Professor, lächeln notorisch und speisen souverän die eigenen Standpunkte in die Sprecharena ein. Man widerspricht einander pflichtgemäß, gibt sich andererseits aber auch ab und an lächelnd recht. Der Moderator weiß gekonnt zu unterbrechen, spielt lächelnd und passend zur Choreograpie mit schlafwandlerischem Timing filmisch dokumentarische Kurztrailer ein. Irgendwann gegen Ende der Sendung folgt der Einspieler „Unsere Fernsehzuschauer - Was sagen die eigentlich?“. Schnell werden die e-mails, die inzwischen von Zuschauern an den Sender geschickt wurden, von einer blonden Frau verlesen. Wie? Natürlich mit einem Lächeln. Zum Schluss die übliche Frage: mit wem von den hier geladenen Gästen würden Sie gerne eine Bildungsreise machen oder so ähnlich. Auch hier wird bei der Beantwortung eifrig gelächelt. Dann der Tusch, dynamische Musik, Ende der Sendung. 

Ich werde das Gefühl nicht los, dass hier etwas aufgeführt wird und zwar nicht allein die Aufführung einer Debatte rund um ein wichtiges Thema. Es ist auch die Ausstellung einer Lebensform, eines Habitus, die hier zelebriert wird. Was die Diskutanten vereint, ist das gleichförmige Reagieren auf Fragen, die Vorhersehbarkeit der Antworten, das sich Hineinfügen und Folgen in die vor choreographierten Sprechrituale des Moderators. Es wird befürwortet, dagegen argumentiert, erläutert, korrigiert, Statistiken aufgezählt, Recht gehabt, verworfen, gelobt, sich geängstigt, auf die Wirtschaftslage hingewiesen. Am Schluss wirkt der ganze Debattierclub dennoch irgendwie unausgesprochen einig: Harte, weiche Erziehung hin oder her. Die globalisierte Gesellschaft verlangt einem viel ab. Das ist im Kern die Grammatik der 60 Minuten. Reproduziert wird in der Sendung das, worüber man spricht. Eine Kultur der Leistung, der Leistungsbereitschaft, des sich korrekten Darstellens. 

Ich vermisse Sendungen wie wir sie vor 20 Jahren erleben durften. Z.B. im ORF II. Da hat man Hausfrauen, Professoren, Künstler, Journalisten, Bauern, Arbeitslose, Penner etc. im so genannten Club 2 zusammen gebracht. Die Gäste des Clubs saßen auf einer abgewetzten Ledercouch, saßen da, als ob sie sich gerade in einem Cafe nebenan zufällig miteinander nieder gelassen hätten. Menschen aus allen möglichen gesellschaftlichen Nischen, „Verlierer“ und „Gewinner“ ließen sich auf ein gemeinsames Gespräch ein, in einer Atmosphäre, die durch Wohnzimmersitzmöbel und eine funzlige gelb leuchtende Stehlampe angeregt war. Alle mussten sie erst einmal Zeit damit zubringen, sich sprachlich zu finden, sich zu verständigen. Die Diskussionsthemen und eine gemeinsame Sprache wurden vor den Augen des Zuschauers ausgefaltet und entwickelt. Es war nie ganz vorhersehbar, wer wie auf welches Statement reagieren würde und der Talk durfte so lange dauern, wie er dauern wollte. Ich erinnere mich, wie ich einmal in der Früh um vier Uhr den Fernseher ausschaltet habe und der Moderator sich verabschiedete mit den Worten: "jetzt müss ma aber aufhören, weil jetzt wern ma langsam müde." Es wurde in diesem legendären Club 2 gegähnt, gestöhnt, unhöflich unterbrochen, zu Demonstrationszwecken mit Geräten hantiert, sich aufgeregt, kindlich benommen (Nina Hagen z.B. führte anschaulich vor, wie Frauen masturbieren), regelmäßig verlor jemand die Contenance oder verließ echauffiert die Talkrunde. Manch einer soll zu Beginn der Sendung sogar stock betrunken erschienen sein und wurde dennoch toleriert. Die Moderatoren lächelten in dieser Sendung natürlich auch, aber sie lächelten, weil sie Spaß hatten, an den Themen, an den Menschen, am kontroversen Gespräch, kommt mir vor. Und zu allem Überfluss lernte man auch noch was. Wenn ich bei Frank Plasberg zusehe frage ich mich, wem da was eigentlich noch wirklich Spaß macht? Was lerne ich da? Und was wäre, wenn in dieser Sendung weniger angestrengt gelächelt würde?

Kommentare

18.02.2011

Matthias Ohler

Das ist das Ergebnis der atmosphärisch-medialen Gleichschaltung durch Freischaltung. Wer die jeweiligen Möblierungsgewohnheiten nicht kennt, wartet gespannt, bis Moderatorin oder Moderator ins Bild kommen, dann wird klar, welche Sendung man grade schaut. Wer noch zuschaut? Die Supervisoren und Kontrolleure, die hinterher die Ausgewogenheit und Chancengleichheit aller Mehr- oder Minderheiten abnicken müssen.

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